Gefangen in Haus Müßiggang

Oliver Sturm überschreibt in seiner Hörspielreihe «Die Erschöpften» Thomas Manns «Zauberberg»

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In Folge 9 kommt Thomas Mann höchstpersönlich zu Wort, in seinem unverkennbar salbungsvoll-knarrigem Ton, in dem er schon 1953 eine Utopie beschwor: die «von einem geeinigten Europa mit einem wiedervereinigten Deutschland in seiner Mitte. Einem Deutschland, das den Gedanken eines deutschen Europa hat fahren lassen, sondern –». Da wird ihm der Stecker gezogen.

In der gar nicht so fernen Zukunft, die Oliver Sturm in seiner 10-teiligen NDR-Hörspielreihe in einen Zauberberg namens «Haus Müßiggang» im Berchtesgadener Land verlegt, sind humanitäre Hoffnungen längst perdu.

Eine Gesellschaft am Rand des Nervenzusammenbruchs folgt dem neu erlassenen «Urlaubsgewährungsgesetz», das ein ärztliches Attest zu Urlaubsreife und Urlaubsfähigkeit verlangt, will man verreisen. Wie alle seine Mitpatienten wurde Jedermann Sven Schmitz, Unternehmensberater, als «urlaubsunfähig» diagnostiziert und in die Berchtesgadener «Pre-Holiday-Klinik» überwiesen, um endlich chillen zu lernen, wieder Postkarten zu schreiben, mit Andersdenkenden zu reden. Cleo, seine Verlobte, die allerdings verheiratet ist und die er für den Auslöser seines Burnouts hält, bombardiert ihn mit WhatsApps, er aber ist verrückt auf die Russin mit den Timoschenko-Zöpfen, Madame Chauchat. Richtig: namensgleich mit der unwiderstehlichen Russin im vor 101 Jahren erschienen «Zauberberg» des vor 150 Jahren geborenen und vor 60 Jahren gestorbenen Thomas Mann.

Alles unter einem Hut
Der versierte Dramaturg, Regisseur und Hörspielautor Oliver Sturm benutzt die Analogien zum Jubiäumsroman mit leichter Hand, ohne sie überzustrapazieren. Auch in Haus Müßiggang heißt der Klinikdirektor Behrens, der phallische Crayon, den Manns Hans Castorp von Madame Chauchat ausleiht, geht hier den anderen Weg, aus Manns Karnevals- wird ein Vollmondfest, nach dem Clawdia und Sven im Bett landen.

Aus Manns 1000-seitigem Gesellschaftsbild des frühen 20. Jahrhunderts wird hier eine spitzzüngige Satire auf eine Jetztzeit, in der jeder alles gleichzeitig sein will und muss: woke und widerständig, erfolgreich und tiefenentspannt, Vernunft und Rausch, Settembrini und Naphta. Ein Selbstoptimierungsgebot, das in die totale Erschöpfung führt.

Zu den Gästen im Haus Müßiggang zählt auch ein ehemaliger Wirtschaftsminister, jetzt nur noch Dichter, der russische Ehemann Clawdias, der eine Sekte betreibt, in der Clawdia als das Medium Anastasia fungiert, und die dauerrauchende Autorin Astra mit Schreibblockade und Afro-Frisur, für die sie sich mehrfach maßregeln lassen muss: ein Akt der Appropriation, geht gar nicht. Was Astra cool an sich abperlen lässt. Sturm verschränkt die unterschiedlichsten Figuren zu einem Ringelreihen der Befindlichkeiten und schießt gerecht verteilt seine kritischen Breitseiten ab gegen Links- wie Rechtsextremisten, Grüne und Esoteriker, raffgierige Kapitalisten, Achtsamkeitsjünger und Putin-Versteher.

Was lange als ein flotter Dialog-Pingpong der unterschiedlichen Jargons sehr unterhaltsam die Dinners, Workshops, Parties und Liebesspiele im Preholiday-Paradies beleuchtet, spitzt sich peu à peu zur Dystopie einer schönen neuen Heimat ganz auf Deutsch zu, an der sich auch gut verdienen lässt. Holiday in Namibia, der Karibik, Vietnam, forget it. Das neue Paradies ist deutsch und umweltfreundlich, also alles unter einen Hut gebracht.

Dass diese nicht unzynische Diagnose zu einem ausgesprochen erfreulichen Hörerlebnis wird, ist nicht zuletzt dem fabelhaften Sprecher:innen-Ensemble zu verdanken, dass Autor und Regisseur Oliver Sturm versammelt hat. Neben Protagonist und Ich-Erzähler Tom Schilling als Sven Schmitz glänzt Jeannette Spassova als Madame Chauchat mit aufmüpfig gelangweilter Stimme und kräftig russischem Akzent, Marleen Lohse gibt der toxischen Cleo eine schöne Mischung aus Manipulationslust und Verzweiflung mit, Inga Busch ist eine trotzig realistische Astra, und Sebastian Blomberg verweigert sich als Klinikchef Behrens jeder Esoterik. Bernd Moss, Anne Ratte-Polle, Manuel Harder, Anja Schneider, Ingo Hülsmann sind nur ein paar weitere Namen aus einem 30-köpfigen Ensemble, dem man noch viel länger zuhören könnte. Die 10 Folgen à ca. 35 Minuten sind ein Jahr lang in der ARD-Audiothek abrufbar: https://1.ard.de/dieerschoepften


Theater heute Juni 2025
Rubrik: Magazin, Seite 69
von Barbara Burckhardt

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