Gedenket ihrer!
Wir Bildungsbürger und Abonnenten, Shakespearefreunde und Humanisten, wir Theaterkritiker und von engagierten Lehrern herangeschleiften Gymnasiasten – wir sind das Volk. Damit wir das nicht vergessen und auch nicht, dass die Tragödien des britischen Renaissance-Dramatikers William Shakespeare mit uns, dem Volk, zu tun haben, werden wir als solches angesprochen und einbezogen in Falk Richters «Julius Cäsar» an der Wiener Burg und in Jan Bosses «Hamlet» am Schauspielhaus in Zürich.
In Wien sind wir verwöhnte, opportunistische, launische Römer, um deren Gunst die Politiker mit Versprechen und Ruck-Reden buhlen – wobei ein Tyrannenfreund wie Marc Anton uns ebenso auf seine Seite zu ziehen versucht wie der Tyrannenmörder Brutus, der uns versichert, Cäsar zu unserem Allgemeinwohl und um der Freiheit willen erdolcht zu haben. In Wien traut man uns gleichwohl nicht zu, die Volksrolle anständig zu spielen: Unser Jubel und Protest schallen aus dem Lautsprecher. Zürich hingegen fordert uns weder als Souverän noch als Stimmvieh, sondern in unserer physischen Präsenz. Bühnenbildner Stéphane Laimé hat uns eingebaut in die Ausstaffierung des Schiffbaus zum Festsaal mit gewaltigen, halbblinden ...
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Im Grunde schreibt Elfriede Jelinek schon lange keine Stücke mehr. Sie stellt Textblöcke zur Verfügung, aus denen bei entsprechender Behandlung Theater werden kann. Sie sind dabei nicht zimperlich, diese Texte, im Gegenteil, sie wollen hart rangenommen werden. Dafür sind sie aber auch zu allem bereit und gänzlich uneitel, wenn es darum geht, sich offensiv benutzen...
Die Verlockung muss groß sein, vielleicht, weil der Stoff so gewaltig ist und Tantiemen birgt. Nach Moritz Rinke (seit 2002 in Worms), Helmut Krausser («Unser Lied»), Marc Pommerening («die nibelungen. melodram») und einigen weniger Autorschaft beanspruchenden Hebbel-Bearbeitern (wie zuletzt Andreas Kriegenburg) hat nun Oliver Schmaering ein weiteres...
Scharlatan oder Genie? Semantischer Faulpelz oder Meister des Nicht-Gesagten? Am norwegischen Mode-Autor Jon Fosse und seinen wortkargen Dramen scheiden sich die Kritiker. Für Regisseure aber bieten diese Leerstücke dank reduziertem Personal, limitierter Psychologie und beschränkter Alltagssprache viele Sinn-Löcher, in die sie ihre eigenen Ideen stopfen können....
