Gedenket ihrer!
Wir Bildungsbürger und Abonnenten, Shakespearefreunde und Humanisten, wir Theaterkritiker und von engagierten Lehrern herangeschleiften Gymnasiasten – wir sind das Volk. Damit wir das nicht vergessen und auch nicht, dass die Tragödien des britischen Renaissance-Dramatikers William Shakespeare mit uns, dem Volk, zu tun haben, werden wir als solches angesprochen und einbezogen in Falk Richters «Julius Cäsar» an der Wiener Burg und in Jan Bosses «Hamlet» am Schauspielhaus in Zürich.
In Wien sind wir verwöhnte, opportunistische, launische Römer, um deren Gunst die Politiker mit Versprechen und Ruck-Reden buhlen – wobei ein Tyrannenfreund wie Marc Anton uns ebenso auf seine Seite zu ziehen versucht wie der Tyrannenmörder Brutus, der uns versichert, Cäsar zu unserem Allgemeinwohl und um der Freiheit willen erdolcht zu haben. In Wien traut man uns gleichwohl nicht zu, die Volksrolle anständig zu spielen: Unser Jubel und Protest schallen aus dem Lautsprecher. Zürich hingegen fordert uns weder als Souverän noch als Stimmvieh, sondern in unserer physischen Präsenz. Bühnenbildner Stéphane Laimé hat uns eingebaut in die Ausstaffierung des Schiffbaus zum Festsaal mit gewaltigen, halbblinden ...
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Was ist bemerkenswert? Neben all dem wunderbar gespielten und intelligent durchdachten Großstadttheater, das die Theatertreffen-Auswahl wie jedes Jahr beherrscht, sollte man auch bemerken, dass das deutsche Stadttheater gelegentlich ein paar Anstrengungen unternimmt, um aus seinem Lieblingsbereich, dem intellektuell aufgeschlossenen Spätbürgertum, auszubrechen und...
Der Verwaltungsrat der Zürcher Schauspielhaus AG sprach von bis zu dreißig ernstzunehmenden Bewerbungen für die künstlerische Direktion. In der Schweiz heißt der Posten offiziell nicht Intendanz, weil die höfische Tradition fehlt und damit auch dieser Begriff. Bedenkt man, wie wenig die Findungskommission in acht Monaten gefunden hat, darf man durchaus von feudalen...
Wer nach einer schnellen, runden, konsumablen «Perser»-Interpretation sucht, die das antike Drama auf ein paar gängige Aktualisierungen herunterbricht und als gutverdauliche 90-Minuten-Terrine serviert, ist mit Dimiter Gotscheffs Inszenierung (siehe TH 11/06) eindeutig schlecht beraten. Keine saloppe Verstehens-Anbiederung, die so tut, als wäre Aischylos’ Tragödie...
