Garstige und Gutmütige
Männer mit Hosenträgern sind mit Vorsicht zu genießen, das sollten Frauen eigentlich wissen. Aber was bleibt Grace übrig. Da strandet sie am rostbraunen Rand der Rocky Mountains, es sind Schüsse gefallen, und jetzt kauert die Fremde wie ein verstoßener Affe in der Nische einer Industrieschleuse (Bühne: Katja Hass), barfuß, das goldene Abendkleid schimmert offenherzig. In Dogville, wo die Dörfler sonst nichts als Blümchenkleid und die erwähnten Suspenders zu sehen kriegen, ist das eine Einladung. Für Befugte und Unbefugte.
Die Zürcher Intendantin Barbara Frey stellt zum Saisonstart zwei Heldinnen auf, deren Schicksal zwischen Opfer- und Täterrolle schillert: «Antigone» in der rüden Sophokles-Bearbeitung von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel (Regie: Stefan Pucher). Und Grace aus Lars von Triers rigidem Filmexperiment «Dogville» (Regie: Stephan Kimmig). Beide erfahren in einer befremdlich archaischen Gemeinschaft Folter am eigenen Körper. Beider Reaktion löscht jene Gemeinschaften aus. Wobei Antigone die Gewalt gegen sich selbst, Grace gegen die anderen richtet.
Dass Grace erstens keine Streunerin ist und zweitens der einzige komplexe Charakter des Abends, daran lässt Katja Bürkles ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Seit anderthalb Jahren tobt er nun schon, der Kulturkrieg in Berlin: Seit Tim Renner, denkbar ungeschickt kommunizierend, im April 2015 den Tate-Direktor Chris Dercon zum Nachfolger Frank Castorfs designierte, teilt sich Berlins Theaterszene in unversöhnliche Pro- oder Contra-Fraktionen. Dass Frank Castorf nach einem Vierteljahrhundert den Hut nehmen soll, um nur...
Dass Ultras ihren Fußballclubs nicht nur schaden, sondern ganz im Gegenteil auch behilflich sein können, haben die Fans des 1. FC Nürnberg bewiesen. Sie – und nicht etwa Historiker oder vom Verein bestellte Rechercheure – holten ein lange verschwiegenes Kapitel aus der Geschichte des legendären Clubs hervor und präsentierten es in einer aufsehenerregenden...
Im schlaffen Zürcher Luxus scheint keinen wirklich etwas umzutreiben. Dagegen hat das Programm des Theaterspektakels einen Aggregatzustand von Dringlichkeit, auch wenn man das im Tableau aus Wiese, See, Spätsommerlicht und Restaurantbuden nicht gleich bemerkt. Es findet in der Roten Fabrik, einer Werfthalle und in temporären Architekturen statt und ist seit seiner...
