Fünf Minuten Berühmtheit

Michel Vinaver «Livesendung»

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Obwohl bereits 1990 von Jacques Lassalle in Paris uraufgeführt, legen die aktuellen Schlagzeilen – Hartz IV!, Reality-TV! – natürlich nahe, «Livesendung» jetzt als deutschsprachige Erstaufführung herauszubringen. Es geht schließlich um Langzeitarbeitslosigkeit und Medieneinfluss. Aber der französische Autor Michel Vinaver hat weder ein Thesenstück noch ein Sozialdrama verfasst. Nahe dran an einer bruchstückhaften Realität sind seine Theaterfiguren, die in Jürgen Bosses zügiger Regie, wie der Titel nahe legt, film- oder eher: TV-schnittartig bearbeitet erscheint.

Rückblenden heben die Chronologie auf. Motivationen bleiben im Halbdunkel. Das Wichtigste wird in Strömen von Text nicht gesagt – manchmal aber doch.  

Vinavers Menschen aus Orléans haben keine rettende Jungfrau parat. Es gibt nur eine kleine Gerichtsschreiberin, die ihren Chef, den Herrn Untersuchungsrichter, anhimmelt. Ihre verquersten Träume samt selbstbewusster Deutung offenbart sie ihm, energisch im wippenden Minirock zur Tür stolzierend, um die geladenen Zeugen hereinzubitten; während des Verhörs sitzt sie rigide und aufmerksam mit strenger Miene an ihrem Schreibtisch und verstummt. Ein Pärchen in der Schwebe, eine ...

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Theater heute Januar 2005
Rubrik: Chronik, Seite 36
von Susanne Finken

Vergriffen
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