Verstörungen im Mittelmaß

Sabine Harbekes «und jetzt / and now» am Thalia in der Gaußstraße

Theater heute - Logo

Manche Menschen haben eine merkwürdige Vorstellung von Samaritertum. Ein Frau, der sowohl Mann wie Liebhaber im World Trade Center verstorben sind, fährt danach wahllos Menschen an, damit sie das Leben wieder schätzen lernen. Dagegen fällt der streunende Dichter, der streitende Paare und einsame Trinker mit Penetranz nötigt, sich von ihm ein Trostpoem verfassen zu lassen, nur in die Kategorie Großstadtplage. Und schließlich darf ernsthaft in Frage gestellt werden, ob sich authentische Tierliebe wirklich auf den Zungenkuss mit Haustieren erstrecken muss.

 

Sabine Harbeke jedenfalls hält solche Verhaltensweisen für das ganz normale Marketing des guten Herzens in der aktuellsten Zivilisation. Das Register der Normalität, das sie in den elf Szenen ihres Stückes «und jetzt / and now» aufblättert, zeigt das Gewöhnlichste, was man sich an Großstadtmenschen vorstellen kann, als Langweiler mit Eigensinn. Bezogen auf ein New York nach dem 11. September erzählt sie von den Verstörungen in der psychischen Landschaft des Mittelmaßes, wo es scheinbar so natürlich blubbert wie im Quantenschaum.

Entsprechend ihrer persönlichen Doppelexistenz, die halb in New York und halb in der Schweiz verwurzelt ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Januar 2005
Rubrik: Neue Stücke, Seite 46
von Till Briegleb

Vergriffen
Weitere Beiträge
Matrosenliebe und Intrigen

Mäntel, Degen, Abenteuer, Matrosenliebe, Lügen und Intrigen: Eine der bekanntesten Geschichten dieser Art ist «Der Graf von Monte Christo». Geschrieben hat sie Alexandre Dumas in den Jahren 1845/6. Als Fortsetzungsroman für das Feuilleton des «Journal des débats». Dort sollten die Leserzahlen steigen, die Abonnements verlängert werden. Es klappte: Die Leser liebten...

Sechs Stunden Deutsch

Mehr Patriotismus!» wird jetzt allenthalben von uns verlangt, und es klingt, als sei unser gutes altes Abendland deutscher Nation schwer in der Defensive. Ringsum – und mittendrin – nichts als Parallelgesellschaften und Multikulti, ganz zu schweigen von der islamistischen, terroristischen, fundamentalistischen Bedrohung. Die Gesellschaft, heißt es von Seiten der...

Leonhard Frank und Von drei Millionen drei

«Von drei Millionen drei» heißt der 1932 erschienene Roman von Leonhard Frank, den Fritz Katers «3 von 5 Millionen» fortschreibt. Er erzählt, wie drei Arbeitslose – ein Schreiber, ein Schneider und ein Fabrikarbeiter – ihre Heimatstadt verlassen, nach Hamburg wandern, auszuwandern beschließen, in Buenos Aires Arbeit finden, bis sie auch dort die...