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Was war
Obwohl er ein wunderbarer Erzähler sein konnte, machte Henning Rischbieter, wenn es darauf ankam, nur wenige Worte. Als ich von irgendjemandem zufällig um Mitternacht herum in der Stuttgarter Schauspielkantine, am 1.

September 1976 nach Claus Peymanns Uraufführung von Thomas Bernhards «Minetti», dem graubärtigen Herrn vom Olymp der Theaterkritik (der damals noch in dem sagen­haften Ort Velber bei Hannover lag) leibhaftig vorgestellt wurde, rauchte Rischbieter nur Zigarre, trank seinen geliebten Rotwein und erschien mir, in ein Fauteuil aus dem Theaterfundus versunken, von Tabakschwaden umhüllt, wie das Orakel der Welttheaterkritik. Geisterhaft entrückt. Aber zum Abschied fragte er knapp: Hätten Sie nicht Lust, über «Minetti» in «Theater heute» zu schreiben, er drucke in der nächsten Ausgabe das Stück auch ab.

Das war für den Jungkritiker der «Süddeutschen Zeitung» doch so etwas wie ein Blitzritterschlag aus, ja, bewölktem Himmel. Wortkarg, bedeutungsreich. Als wir uns ein Dreivierteljahr später wieder zufällig nach einer Aufführung in München begegneten, lud er mich mit kaum mehr als zwei Sätzen ein, demnächst mal nach Velber zu kommen. Er werde mich am Flughafen Hannover ...

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Theater heute Juli 2013
Rubrik: Zum Tod von Henning Rischbieter, Seite 9
von

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