Freispruch für Medea

Alle Facetten der Kindsmordhysterie: Caro Thum inszeniert Dennis Kellys «Kindersorgen» am Theater Basel

Theater heute - Logo

Kann sein, dass Donna ihre beiden kleinen Kinder getötet hat. Kann sein, dass sie krank ist. Wir werden es nie erfahren. Sicher ist nur: Sie wird verurteilt, in den Knast gesteckt, durch die Medienarena geschleift und in zweiter Instanz aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Dennis Kelly hat aus dem Medea-Thema ein Doku-Drama in Zeiten der Kindsmordhysterie komponiert. Besser: die Simulation eines Doku-Dramas. Eine Videoeinblendung behauptet: «Das Folgende stammt Wort für Wort aus Interviews und Schriftwechseln.

» Was geflunkert ist, denn der Londoner Dramatiker Dennis Kelly baut sein Stück auf frei erfundenen Interviews auf. Er hält den Plot in der Schwebe, zwischen Fiktion und Dokumentation, zwischen Wahrheit und Lüge. Das gelingt ihm famos.

Jetzt aber zu Donna. Eine Frau, Anfang 30, in Fellparka und Flickenjeans. Sie setzt sich auf einen der heißen Interviewstühle, die Beate Fassnacht über die leere Basler Schauspielhausbühne verstreut hat. Donna berichtet vom Frauengefängnis, wo eine wie sie den Respekt einer Bettwanze genießt. Inga Eickemeier packt in Donnas Monolog ihr ganzes Talent. Und das ist: Verzweiflung gleichzeitig zu verbergen und zu verraten. Eine Frau am Rande der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute März 2009
Rubrik: Akteure, Seite 42
von Stephan Reuter

Vergriffen
Weitere Beiträge
Sie spielen ja nur

Die gute alte Brecht-Gardine hat sich auf deutschen Bühnen längst flächendeckend zum gern genutzten Raumkonzept aufgebläht: als verlängerter Zuschauerraum, Tonstudio, Probebühne, Theater-auf-dem-Theater-Setting, das die Vorgänge in Anführungszeichen setzt, als müsste man noch immer der Gefahr des romanti­schen Glotzens rigoros entgegenwirken; als wüch­se die...

Ein Quantum Gewalt

Ich würde ja gerne eine beeindruckende Geschichte darüber aus dem Ärmel zaubern, wie ich zum Theater gekommen bin, aber ich glaube, das Theater ist ganz einfach und unspektakulär zu mir gekommen.» Ein solches Bekenntnis über dem allerersten Schluck Kaffee lässt auf zwei Dinge schließen: Dennis Kelly ist erstens ehrlich veranlagt und arbeitet zweitens nicht aktiv an...

Die feinen Unterschiede

Der Horror beginnt ganz leise. Birgit Minich­mayrs Gitti, PR-Frau beim Musikkonzern Uni­versal, ist ein Mädchen zum Pferdestehlen: unkompliziert, humorvoll, selbstbewusst, und wenn sie ihren Freund halb zärtlich, halb trampelig Richtung Familiengründung zu bugsieren versucht («Komm, wir lassen mal die Kondome weg»), hat das unbedingt Charme. Dazu passt ihr...