Freiheit zum lauten Denken
Christoph Schlingensief kommt nach wie vor gern auf die Bühne. Vor der dritten Aufführung des «Zwischenstands der Dinge» hält er vor den rund 70 Zuschauern, die in das kleine Gorki Studio passen, eine schnelle, atemlose Ansprache. Er berichtet von «einem neuen Zwischenstand», der «scheiße» aussähe, philosophiert über Kritiker, die verwirrt konstatiert haben, dass ihre Kriterien nicht mehr greifen, und kündigt launig an, er werde vom Himmel aus nicht in unser menschliches Sein eingreifen. Wir dürften alle weitermachen wie bisher, das verspreche er.
«Auf Wiedersehen», sagt er noch, das sei die schönste Drohung, die er sich vorstellen könnte.
Hybris? Größenwahn? Narzissmus?
Schlingensief hat beschlossen, dass sein Lungenkrebs mehr ist als seine private Angelegenheit. Sowohl im Duisburger Fluxus-Oratorium «Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir», einer der großen Kreationen der diesjährigen Ruhrtriennale, als auch im «Zwischenstand der Dinge», der Vorstudie am Berliner Gorki Theater, hat er seine Fassungslosigkeit nach der Lungenkrebs-Diagnose gezeigt und seine Angst davor, wie es weitergeht. Seine Wut auf Gott, zu dem «der Draht abgerissen» sei, auf die katholische Kirche, die ...
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