Die Sehnsucht im Mauszeiger
Eine Schnapsidee war es nicht. Aber Weißweinschorle war im Spiel am Abend der Initialzündung, räumt Cosmea Spelleken ein. «Im ersten Lockdown saß ich mal mit einer befreundeten Schauspielerin zusammen, und wir waren uns einig: Wenn wir noch einmal online zusehen, wie Schauspieler vor ihrer Laptop-Kamera Märchen vorlesen, dann schreien wir.» Ja, klar, die Bühnen hatten den Schock der Schließungen zu verdauen. Trotzdem: «Wenn man online geht, kann man sich doch auch überlegen, welcher Stoff dazu passt.
»
Mit dem richtigen Stoff waren Spelleken und ihr Team dann zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Gut, man mag diskutieren, ob das Internet ein Ort ist. Aber als im November 2020 alle Theater unter dem Schock eines zweiten Lockdowns standen, ging die Premiere von «werther.live» über eine virtuelle Bühne, die sich das Potenzial der Online-Kommunikation schlüssig zunutze macht: Da plaudert Werther (Jonny Hoff) im Videochat mit seinem in Paris studierenden Kumpel Wilhelm (Florian Gertels), der Links zu den Instagram-Profilen seiner jüngsten Eroberungen schickt. Und Lotte (Klara Wördemann) kommt über eine eBay-Kleinanzeige ins Spiel: Sie bietet ein Buch über Waffen aus dem 19. Jahrhundert ...
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Theater heute Jahrbuch 2021
Rubrik: Höhepunkte des Jahres, Seite 120
von Andreas Jüttner
Ist die Zeit gerast oder stand sie still? Wann ist Zeit zu Halbwertzeit geworden, die (nicht nur nuklearen) Verfall markiert? War vor dem Anfang schon das Ende da? Diese Fragen stellt sich die göttliche Dreifaltigkeit in Miroslava Svolikovas Stück, in dem, titelgebend, Gott drei Frauen ist. Sie schauen auf die Erde, die ökologisch und mental am Ende zu sein...
«Einfach das Ende der Welt» – dieser Titel könnte in jüngster Zeit auch andere Assoziationen wecken, als Jean-Luc Lagarce 1990 im Sinn hatte. Der 1995 an Aids gestorbene französische Dramatiker erzählt in seinem Theaterstück «Juste la fin du monde» die Geschichte des todkranken Künstlers Louis, der nach jahrelanger Abwesenheit zu Mutter und Geschwistern in die...
Matthew Lopez' zweiteiliges Bühnenepos «Das Vermächtnis», inspiriert von Motiven aus E. M. Forsters 1910 erschienenem Gesellschaftsroman «Howards End», beginnt mit dem, was jedem Erzählen vorausgeht. Am Anfang ist der Drang – ein Impuls, eine durch und durch körperlich empfundene Regung. Noch vor dem ersten Wort drängt etwas, drängt zu erzählen. Und so tasten sich...
