Die Sehnsucht im Mauszeiger

Wie Cosmea Spelleken mit ihrem Team aus Goethes altem «Werther» quicklebendiges Online-Theater gezaubert hat

Eine Schnapsidee war es nicht. Aber Weißweinschorle war im Spiel am Abend der Initialzündung, räumt Cosmea Spelleken ein. «Im ersten Lockdown saß ich mal mit einer befreundeten Schauspielerin zusammen, und wir waren uns einig: Wenn wir noch einmal online zusehen, wie Schauspieler vor ihrer Laptop-Kamera Märchen vorlesen, dann schreien wir.» Ja, klar, die Bühnen hatten den Schock der Schließungen zu verdauen. Trotzdem: «Wenn man online geht, kann man sich doch auch überlegen, welcher Stoff dazu passt.

» 

Mit dem richtigen Stoff waren Spelleken und ihr Team dann zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Gut, man mag diskutieren, ob das Internet ein Ort ist. Aber als im November 2020 alle Theater unter dem Schock eines zweiten Lockdowns standen, ging die Premiere von «werther.live» über eine virtuelle Bühne, die sich das Potenzial der Online-Kommunikation schlüssig zunutze macht: Da plaudert Werther (Jonny Hoff) im Videochat mit seinem in Paris studierenden Kumpel Wilhelm (Florian Gertels), der Links zu den Instagram-Profilen seiner jüngsten Eroberungen schickt. Und Lotte (Klara Wördemann) kommt über eine eBay-Kleinanzeige ins Spiel: Sie bietet ein Buch über Waffen aus dem 19. Jahrhundert ...

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Theater heute Jahrbuch 2021
Rubrik: Höhepunkte des Jahres, Seite 120
von Andreas Jüttner

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