Freiheit und Schmerz
Matthew Lopez' zweiteiliges Bühnenepos «Das Vermächtnis», inspiriert von Motiven aus E. M. Forsters 1910 erschienenem Gesellschaftsroman «Howards End», beginnt mit dem, was jedem Erzählen vorausgeht. Am Anfang ist der Drang – ein Impuls, eine durch und durch körperlich empfundene Regung. Noch vor dem ersten Wort drängt etwas, drängt zu erzählen.
Und so tasten sich die zehn namenlosen jungen Männer, die Lopez im Prolog seines Stückes in einer Art Autorenworkshop versammelt, Satz für Satz und Einfall für Einfall in eine Geschichte vor, angeleitet und ermutigt von der Figur eines Mentors, der niemand anderer als E. M. Forster selbst ist. Auch wenn die sich nach und nach entspinnende Narration immer deutlicher einem dieser Männer und seinen individuellen Impulsen folgen wird, ist Erzählen hier von Anfang an eine Sache des Kollektivs und zugleich rückgebunden an die Geschichte und das literarische Vermächtnis, den alternativen Kanon, einer Gemeinschaft, die sich als Gay-Community zu erkennen gibt. Schon von der Grundanlage her sind Individuum, Kollektiv und Historie in «Das Vermächtnis» eng miteinander verknüpft.
Über mehrere Jahre hinweg folgt Lopez’ breit angelegte Erzählung dem ...
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Theater heute Jahrbuch 2021
Rubrik: Neue Stücke, Seite 150
von Ewald Palmetshofer
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