«Frei sei die Liebe! Frei sei das Leben!»
So ganz fällt dieser Abend nicht in den Zuständigkeitsbereich eines Sprechtheaterkritikers. Auch wenn «Volksbühne» drüber steht und Sophie Rois dem Ganzen ihr Gesicht leiht. Denn das wesentliche Verdienst dieser Produktion ist doch ein musikhistorisches: die Ausgrabung und fulminante Reanimation des Oratoriums «Die sieben Todsünden» des jüdischen Komponisten Adalbert von Goldschmidt (1848–1906), eines «jüdischen Wagnerianers», wie er in den Annalen geführt wird.
Die Rezeption des Goldschmidtschen Schaffens riss bald nach seinem Ableben und dann vollends mit der Machtergreifung der Nazis ab.
Und jetzt holen Regisseur Christian Filips und Dirigent Kai-Uwe Zirka das Werk also ins Bewusstsein zurück: gemeinsam mit dem Kammersymphonieorchester Berlin, mit wohl an -nähernd hundert Chorkräften der Sing-Akademie, mit Chören des Staats- und Domchors Berlin und neun Solist: -innen für die Partien von Dämonen und Menschen. Ein Himmelswerk und Teufelsstück. So voll hat man die riesige Volksbühne noch nie erlebt, und auch selten so tosend und wallend. Wobei die abgründige Feier der menschlich allzu-menschlichen Todsünden natürlich schon ganz gut ans Profil des Hauses andockt. «Frei sei die ...
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Theater heute Februar 2025
Rubrik: Aufführungen, Seite 16
von Christian Rakow
New York, 1975. Die verlassenen, verfallenden Docks am Ufer des Hudson River sind schwule Cruisingzone und üben auch auf Künstlerinnen und Künstler starke Anziehungskraft aus. Mazlum Nergiz hat die Gegend zum Schauplatz seines neuen Stücks «Am Fluss» gemacht. Die urbane Flusslandschaft macht es möglich, verschiedene Themen und Zeiten zusammenzubringen. Zitat: «Wenn...
Dass über die Mächtigen gelacht werden darf, ist eine der unbestreitbaren Errungenschaften der Demokratie, und überall da, wo sich heute populistische Autokraten zurückmelden, stirbt das Lachen zuerst. Deshalb folgt schon bei den antiken Dionysien auf eine Trilogie von drei schrecktriefenden Tragödien jeweils ein be -freiend anarchisches Satyrspiel. Das...
Schauspieler können nicht stottern. Besser gesagt: Sie wissen nicht, wie man Stottern richtig spielt. «Typisch ist, dass sie nichts anderes machen, als Silben zu wiederholen», sagt Marianne Vlaschits. Ihr Stottern sei viel zu regelmäßig, es fehlten die langen, verstörenden Pausen. «Das Elementare am echten Stottern ist ja, dass der Rhythmus total zerstört wird.»
Vl...
