Frau als Beute

Euripides «Medea»

Theater heute - Logo

Spannungsarm lehnt der Gatte an der Küchenzeile. Die Frau hat sich in einen Wutanfall hineingesteigert, schreit «du elender Kerl» und streicht sich eine absichtsvoll drapierte Grauhaarsträhne aus dem Gesicht. Er wolle jetzt «keine kleinkarierte Rechnung aufmachen», erwidert der Gatte in stilechtem Vorabendseriendeutsch und sitzt die Sache erst mal aus. Man scheint hier recht krisenroutiniert, was bei der Wohnsituation auch kein Wunder ist.

Es handelt sich nämlich um ein Ehepaar mit Migrationshintergrund, das haargenau so lebt, wie sich das der bundesrepublikanische Durchschnittsfernsehzuschauer so vorstellt: auf drei mal drei Metern zwischen heruntergewirtschaftetem Küchentrakt, Bettcouch und Kleinbürger-Sitzgruppe. Der aktuelle Zankapfel: Der Gatte hat sich erfolgreich aus der Sozialbude herausgeschlafen und wird bald die junge Tochter des Stadtoberen heiraten, während der grausträhnigen Gattin die Ausweisung droht. Sie schlüpft dann in ihr schulterfreies Abendkleid, setzt sich mit einem Glas Rotwein vor den Fernseher, wird von ein paar Alpträumen gebeutelt und greift schließlich zum Küchenmesser, um aus Rache am untreuen Gatten die gemeinsamen Kinder zu töten. 

Das kleine ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Januar 2007
Rubrik: Chronik, Seite 38
von Christine Wahl

Vergriffen
Weitere Beiträge
Der richtige Augenblick, bürgerlich zu werden?

Ja, «warum können wir nicht ein Leben lang Kinder bleiben?» Warum nicht einfach stehenbleiben im Zustand nicht der Unschuld, sondern der Ahnungslosigkeit, die von Vergänglichkeit noch nichts weiß und an die Auflösung in der Liebe als Dauerzustand glauben kann? Und in der süßen Verantwortungslosigkeit fürs eigene Leben? Die Frage stellte Ferdinand Bruckner 1926 in...

Substanzen aller Art

Nicht, dass London ein verschärftes Alkoholproblem hätte. Seit die uralten englischen Lizenzgesetze letztes Jahr gelockert wurden und besonders in den Großstadtpubs der Ausschank nicht mehr gnadenlos um 23 Uhr endet, ist der einzige Unterschied, dass die Kleingruppen trunkener und taumelnder Angelsachsen nicht mehr alle wie auf Kommando auf die Straße stürmen,...

Mit dem Ereignis auf du und du

Im Anfang war «Die Zeit». Was meint: Die Theaterfeuilletons des Benjamin Henrichs. Während der Lokalzeitungskritiker bei den Premieren des schwäbischen Stadttheaters damals, Anfang der Achtziger, dicht vor der Rampe lauerte und das Gesehene hinterher buchhalterisch mit Daumenrauf-Daumenrunter-Bemerkungen versah, war dort, im überregionalen Wochenblatt, einer, der –...