Fluchtbewegungen
«Stell dir vor». Mit diesen Worten beginnt das Stück «die gegangen sind» von Anaïs Clerc und Yazan Melhem. «Stell dir vor, eine Erinnerung», «Stell dir vor, Jahre später», «Stell dir vor, du lebst am Strand in einem Zelt im Dezember». Wie ein Mantra ziehen sich diese Worte durch den Text und bewirken nebenbei zweierlei: Zum einen nähren sie via Vorstellungskraft die Empathie der Leser:innen, zum anderen schaffen sie eine kontinuierliche Distanz zum Erzählten. Schließlich ist Flucht das Thema des Erzählten.
Also «die Geschichte von Menschen, zu deren Geschichte eine Flucht gehört», wie es Clerc und Melhem konkretisieren. Das Autor:innenduo hatte im vergangenen Herbst den zum fünften Mal ausgeschriebenen Osnabrücker Dramatiker:innenpreis und die Uraufführung im April 2023 gewonnen.
Von drei Fluchtbewegungen zu drei verschiedenen Zeiten erzählen Clerc und Melhem, begründet in drei Kriegen in der Ukraine, Syrien und dem ehemaligen Jugoslawien. Sie erzählen von der Allgegenwärtigkeit von Krieg und Flucht, von der Gleichzeitigkeit von Schicksalen, die durch existenzielle Erfahrungen geeint ist. Und davon, dass die Menschen hinter diesen Schicksalen viel mehr sind als nur ihre ...
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Theater heute Juni 2023
Rubrik: Chronik, Seite 59
von Katrin Ullmann
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