Flucht aus Heimat und Wirklichkeit

Tamó Gvenetadze «Wo steht dein Maulbeerbaum», BVDS «Underworlds» am Schauspielhaus Bochum

Theater heute - Logo

«Wo steht unser Mandelbaum?», fragte die Lyrikerin Hilde Domin im Exil der Dominikanischen Republik in den 1940er Jahren. Der Baum als Symbol für ein Zuhause der Kindheit. Für sie stand er in Köln. Und ihre Heimat war die deutsche Sprache. «Wo steht dein Maulbeerbaum?», fragt die georgische Regisseurin Tamó Gvenetadze heute in Bochum. Für sie stand er in der Stadt Kutaissi. Und ihre Heimat ist nicht die deutsche Sprache. «Der Duden ist für Ausländer das, was für Deutsche das Grundgesetz ist», heißt es in ihrem in Bochum aufgeführten Stück.

Maulbeerbäume gedeihen nicht im kalten Bochum. Und Tamó Gvenetadzes Maulbeerbaum in Kutaissi gibt es nicht mehr, genausowenig wie Hilde Domins Mandelbaum in Köln.

Wer will es einer Georgierin übelnehmen, dass sie mit einem romantischen Bild von Deutschland hierherkommt? Aber die Enttäuschung folgt: Sie erlebte Deutsche, die meinen, Migrantinnen seien geeignete «Mülleimer für emotionalen Abfall». Ein gleiches Recht auf Vorurteilsbildung für Immigranten und Deutsche gibt es nicht. Die weltweite Mobilität ändert nichts daran, dass Migranten in Gesellschaften kommen, von denen sie nur ungenaue Vorstellungen haben.

Gvenetadze, bisher Regieassistentin ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute März 2023
Rubrik: Chronik, Seite 52
von Gerhard Preußer

Weitere Beiträge
«Es braucht viel mehr behinderte Bosse»

Saioa Alvarez Ruiz, 32, sitzt nach 2 Stunden, 40 Minuten Tanzen, Strippen und Schwimmen in «Ophelia’s Got Talent» im Foyer der Berliner Volksbühne und wirkt so energiegeladen, als wäre sie gerade erst aufgestanden. 

Anna Fastabend Wie geht es Ihnen, Frau Alvarez? 
Saioa Alvarez Ruiz Gut. Ich bin glücklich und wieder warm nach der heißen Dusche, die sehr nötig war. 

...
«Ich sehe aus wie ein Dramaturg»

Seit einigen Wochen bin ich auf einer Zeitreise, gehe gedanklich zurück an meine Anfänge als Dramaturgin und erlebe die Jahre in Dresden aus dem Rückblick. Mein langjähriger Chefdramaturg und Intendant Dieter Görne ist gestorben. Meine Trauer ist groß.

Groß ist auch das Erbe, das er hinterlassen hat. Mir und anderen. Davon will ich erzählen. Ich durchforste...

Love is a bourgeois construct

Ein schöner Don Carlos. Immer in Bewegung und so elastisch tänzelnd. Feingliedrig, als hätte er Gummigelenke. Auch sein Blankvers: eins a geschmeidig und so schön weich moduliert. Der Schauspieler Felix Strobel ist ein Charismatiker, auch stimmlich. Vielleicht hat man deshalb in Stuttgart das K in Schillers «Don Karlos» im Titel zum C umgebogen. Am hiesigen...