Hübsche Dreckswelten
Was für eine Wiederentdeckung! Hans Henny Jahnns letztes Theaterstück «Der staubige Regenbogen» strotzt nur so vor dystopischen Visionen und visionären Motiven: Es geht um die menschliche Fähigkeit, sich durch Wissenschaft und nukleare Technik selbst auszulöschen, um Fortschritt durch Kolonialismus und Krieg, um medizinische Experimente und künstliche Intelligenz; nebenbei werden Generationenkonflikte und queere Lebensentwürfe verhandelt.
Im Zentrum stehen der Atomphysiker und Vernunftmensch Jakob Chervat und seine Familie; Chervat wird, als er erfährt, dass eine Explosion in seiner Einrichtung 8000 Tote statt der offiziell behaupteten 78 gefordert hat, vom loyalen Wissenschaftler im Dienste des kriegstreiberischen Regenten Sarkis zum Gegner seiner eigenen Forschung; obendrein sind sein Sohn Elia und seine schwangere Frau Jeanne direkt von Strahlungsfolgen betroffen. Ein Wahnsinnsfund also, aber auch: Was für Dialoge, welch verdruckst-schwärmerische Sexualität, was für ein merkwürdiges Frauenbild! Hier sagen Männer zu Männern Sätze wie «Als noch die Schulbank unsere Schenkel drückte, haben wir einander geliebt», und Mütter zu Söhnen «Ich habe Gewalt über mich. Ich habe den Ausweg ...
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Theater heute März 2023
Rubrik: Aufführungen, Seite 19
von Eva Behrendt
Eine Revue will sie machen, bloß kein Drama: Ein Drama, sagt die Tänzerin Fernanda Farah auf der Berliner Volksbühne, handelt immer von Family Business. Hamlet mag Claudius nicht, weil dieser Papa getötet und Mama geheiratet hat. Antigone will ihren Bruder begraben, der Onkel will es nicht. Schon bringen sich alle um. Was Antike und Klassik in die Welt gesetzt...
Theater heute Wir wollen über «Sistas!» sprechen, Golda Bartons Überschreibung von Tschechows «Drei Schwestern». Wie sind Sie auf die Idee gekommen, das «Rassismus-Ding», wie es an einer Stelle heißt, ausgerechnet auf der Folie von «Drei Schwestern» zu verhandeln? Mit den Schwestern als Persons of Colour, einem ebenfalls Schwarzen Vater – statt Bruder – und einer...
Architektonisch wirkt das Stadttheater Gießen wie ein Schatzkästchen aus einer anderen Zeit: Es liegt am vierspurigen, stark befahrenen Innenstadtring, gegenüber von brutalistischen Nachkriegsbauten wie dem Kongress- und dem Behördenzentrum. Ein kompakter klassizistischer, 1907 eröffneter Bau mit Freitreppe und hohen Jugendstilfenstern im ersten Stock. Diese sind...
