Film: Neue Selbstverständlichkeit
Neue Selbstverständlichkeit› heißt, das Trauma zu überwinden, nicht vorgesehen zu sein», erklärt das Manifest, das der Performancekünstler Tucké Royale Anfang des Jahres bei der Preisverleihung des 41. Filmfestivals Max Ophüls Preis vorlas. Dort wurde ihm für das Buch und seine Hauptrolle in «Neubau» der Preis für den gesellschaftlich relevanten Film verliehen und die Regiearbeit von Johannes Maria Schmit in der Kategorie «bester Spielfilm» ausgezeichnet.
Dass ihr selbsternannter Heimatfilm (übrigens das einzige originär deutsch/österreichische Filmformat) seine genretypischen Merkmale wie den kulturellen Clash zwischen urbanen und ländlichen Gesellschaften, generationenübergreifende Generationenkonflikte oder die unvermeidliche Naturidylle in völlig neue Erzählungen einbetten wird, macht der Anfang des Films bereits explizit klar. Nach der ausgiebigen Studie eines Baumensembles zoomt sich die Kamera zurück durch Fenster ins Zimmer, um die irritierenden Hintergrundgeräusche zu bebildern, die zwei Männer bei ihren queeren Sexpraktiken verursachen – bis das Telefon klingelt, weil Großmutter Alma auf der Suche nach einem Blumenstrauß die Orientierung verloren hat.
Damit ist der ...
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Theater heute November 2020
Rubrik: Magazin, Seite 60
von Anja Quickert
Das britische Theater liegt immer noch brach. Seit inzwischen fast acht Monaten. Abgesehen von einer Handvoll sommerlicher Outdoor-Produktionen, Solo-Abenden und Mini-Projekten lief und läuft nichts, im Westend flattern verwitterte Poster der Stücke vom März.
Nach Regierungsankündigung eines finanziellen Kultur-Rettungspakets im Juli – ohnehin schon drei Monate zu...
Kleists «Hermannsschlacht» von 1808, kurz nach der preußischen Niederlage gegen Frankreich, ist schon ein rätselhaftes Stück. Wollte sich der damals notorisch erfolglose Dichter mit der holzschnittartigen Hassrede anbiedern am preußischen Hof, indem er zu «Befreiungskriegen» hetzte? Aber warum stellte er Hermann dann als feigen Intriganten dar, nie Held auf dem...
Wir müssen uns Harpagon als unglücklichen Menschen vorstellen. Zumindest so, wie Jens Harzer ihn spielt: missgünstig, ängstlich, ungepflegt. Der Titelheld aus Molières «Der Geizige» ist ein schmerbäuchiger alter Mann im fleckigen Unterhemd (Kostüme: Janina Brinkmann), kurzsichtig, lungenkrank, jeder Satz ein Huster, jeder Huster ein Auswurf. Würde das Theater auf...
