Film: Neue Selbstverständlichkeit
Neue Selbstverständlichkeit› heißt, das Trauma zu überwinden, nicht vorgesehen zu sein», erklärt das Manifest, das der Performancekünstler Tucké Royale Anfang des Jahres bei der Preisverleihung des 41. Filmfestivals Max Ophüls Preis vorlas. Dort wurde ihm für das Buch und seine Hauptrolle in «Neubau» der Preis für den gesellschaftlich relevanten Film verliehen und die Regiearbeit von Johannes Maria Schmit in der Kategorie «bester Spielfilm» ausgezeichnet.
Dass ihr selbsternannter Heimatfilm (übrigens das einzige originär deutsch/österreichische Filmformat) seine genretypischen Merkmale wie den kulturellen Clash zwischen urbanen und ländlichen Gesellschaften, generationenübergreifende Generationenkonflikte oder die unvermeidliche Naturidylle in völlig neue Erzählungen einbetten wird, macht der Anfang des Films bereits explizit klar. Nach der ausgiebigen Studie eines Baumensembles zoomt sich die Kamera zurück durch Fenster ins Zimmer, um die irritierenden Hintergrundgeräusche zu bebildern, die zwei Männer bei ihren queeren Sexpraktiken verursachen – bis das Telefon klingelt, weil Großmutter Alma auf der Suche nach einem Blumenstrauß die Orientierung verloren hat.
Damit ist der ...
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Theater heute November 2020
Rubrik: Magazin, Seite 60
von Anja Quickert
Wir müssen uns Harpagon als unglücklichen Menschen vorstellen. Zumindest so, wie Jens Harzer ihn spielt: missgünstig, ängstlich, ungepflegt. Der Titelheld aus Molières «Der Geizige» ist ein schmerbäuchiger alter Mann im fleckigen Unterhemd (Kostüme: Janina Brinkmann), kurzsichtig, lungenkrank, jeder Satz ein Huster, jeder Huster ein Auswurf. Würde das Theater auf...
Ein Gerichtssaaldrama in historischen Kostümen, wo gibt’s denn so was heute noch? In England, wo sonst: Anfang des Jahres wurde am National Theatre in London genau so ein Stück uraufgeführt. Die englische Dramatikerin Lucy Kirkwood, 36, bringt in «The Welkin» eine so genannte «Matronenjury» auf die Bühne; ein juristisches Instrument aus dem Mittelalter, das auf der...
Alexander Scheer ist praktisch nicht wiederzuerkennen. Ungewaschener Bart, verlebte Haut. Die Kapuze seines Mantels fällt ihm tief ins kajalverdunkelte Gesicht, nur gelegentlich blitzen blaustechend seine Augen hervor. Ein finsterer Geselle, der mit seinem Fingernagel Blechbüchsen öffnen kann. Wie er da in den ersten Minuten von «Hausen» als Obdachloser dem...
