Faust mit Feuer im Arsch
Mit dem Knüppel in der Hand kämpf ich fürs Vaterland. Drauf auf den Anarchist, ich bin ein Polizist», donnert der Sound der Thüringer Band Schleimkeim über die Bühne, deren Punk-Attitüde schon zu DDR-Zeiten so manches Gemeindehaus hat erzittern lassen – woanders konnten die negativ-dekadenten Jugendlichen vom Dorf schließlich nicht auftreten. Dabei stand doch draußen «Faust» auf dem Plakat! «Faust» im Nationaltheater Weimar.
Na gut, nicht nur Faust, sondern eben auch Werner Schwab, dessen «Faust :: Mein Brustkorb : Mein Helm» hier von Valentin Schwarz auf die Bühne gebracht wird.
Es ist eins von Schwabs späten Stücken, uraufgeführt 1994 in Potsdam, in denen er sich mit der ihm eigenen subversiven Sprachbrillanz klassischen Texten angenähert und diese neu ge-, heute würde man sagen überschrieben hat. Dabei suchte er keine vordergründigen Aktualisierungen oder auf die Müllersche Art dunkle Universalismen, sondern stieß das Werk vom Sockel direkt in die Gosse, wo er es lustvoll mit seiner Sprachwut zerfleischte, zerfledderte und dann wie Frankensteins Monster neu zusammensetzte.
Faust sei Punk
In Weimar hat man beschlossen, diese «Faust»-Bearbeitung in der Gosse zu belassen. Bastian Heidenreich als alternder Lehrmeister ist ein Punk mit hoch aufgestelltem türkisen Iro und Nietenweste, der mit seinem Wohn-Bully durch die Gegend fährt. Schon die ersten Minuten zeigen ihn auf großer Leinwand (Video who-be) am Steuer des Wagens; anstelle eines Duftbaums baumelt ein Kreuz mit dem Spruch «Gott sei Punk» über dem Armaturenbrett. Gemächlich ruckelig fährt er über die Bühne und ergeht sich ebenso tiefsinnig wie rotzig in den Schwabschen Faust-Tiraden, die mitunter direkt in die Wortspielhölle führen, aber auch glänzende Diamanten zutage fördern.
Kein glänzender Diamant hingegen ist Wagner. Tim Freudensprung spielt diesen als Wicht, der seinen Meister herausfordert, herum mäkelt, besserwisserisch über die Stränge schlägt und auf aller Nerven herumtanzt. Zudem ist er auch noch völkisch natio -nal und tritt gerne mal mit Ledermantel und schwarzer Uniformmütze auf, was ikonografisch nicht von ungefähr an sehr dunkle Zeiten erinnert. Die spätere Skalpierung durch seinen Meister ist da folgerichtig und nur eine weitere Skurrilität in diesem an Skurrilitäten nicht gerade armen Abend.
Musikalisch dominiert gar nicht so sehr der Drei-Akkord-Totschlag der E-Gitarren, sondern Daniel Carter am Solo-Klavier, an dem er etwa die steril spannende Filmmusik aus «Eyes Wide Shut» präsentiert. Zudem hat er die musikalische Leitung des gesamten Abends inne.
Das Innere des Wagens in dieser Bühne von Andrea Cozzi versprüht mit seinen Stickern, dem nicht weggeräumten Müll und den überall wuchernden Pilzen den diskreten Charme der Toilette einer Untergrundkneipe in einem besetzten Haus. Dabei ist der Camper voll ausgestattet mit Klo, Kochstelle und Bettnische (unter einem weißem Zeltdach), alles in fragwürdigem Zustand. Dahinein platzen nun Mephisto und Gretchen als nonchalantes Duo Infernale.
Dass dieses Gretchen von Dascha Trautwein ungeleitet durch die Welt streift und allenfalls den Teufel noch beim Wort nimmt, ist sofort klar. Wohl selten war Margarethe weniger jungfräulich als hier. Als Faust sie anspricht, was ihm nur mit Hilfe der Souffleurin gelingt, übernimmt sie gleich barsch den ganzen Text und lässt den bedröppelten Punk einfach in der Ecke stehen. Gretchen hat heute keine Rose für dich, und morgen auch nicht.
Partnertausch im Swinger-Faust
Bei Mephisto hat Kostümbildner Otto Krause dann sogar noch tiefer ins Schmuckkästchen gegriffen als ohnehin schon: Henrik Mrochen stolziert auf Lack-Plateauschu -hen umher und trägt eine glatte Latex-Leder -hose, auf der ein ganzes Heer von Stacheln appliziert ist, dazu zwei hörnergleich auf -toupierte Haarspitzen. Jede Dark-Wave-Party würde sich danach die Lippen lecken. Seine Augen sehen aus wie blanke Augäpfel, sehr diabolisch und gar nicht so wenig irre. Doch er und Faust kriegen ihre Beziehung einfach nicht auf die Reihe. Wer ist Herr, wer ist Meister und was will man eigentlich voneinander?
Beide versteigen sich gegenseitig in Schwabsche Sprachwelten, in diesem Spiel gehen sie sich bei aller Präsenz verloren, doch es ist eine große Lust, den beiden dabei zuzuschauen und zuzuhören. Die Textbearbeitungen sind messerscharf, inbrünstig schmatzend und voll abgeschmecktem Raunen. Da ist es nur konsequent, dass Mephisto sich lieber konspirierend mit Gretchen vergnügt, während Faust wiederum Marthe zu seiner Kumpanin erwählt, was diese freudig erwidert. Zalina Sanchez ist direkt und burschikos, zugreifend und anpackend in einem Kostüm, das an Madonnas frühe Jahre erinnert – ein wahrer Erdgeist. Von Tragödie keine Spur, es regiert schlicht und einfach eine wohlgeformte Groteske – was dann doch wieder ein Widerspruch in sich ist, aber immerhin ein produktiver.
Antwort der Oper
Doch der lawinenartige Bühnenwahnsinn wird jäh gestoppt. Das frühe 20. Jahrhundert klopft an und will seinen «Faust» zurück – mit großem Orchester der Staatskapelle Weimar. Denn dieser Abend ist als Kontrastspiel angelegt – eine der Neuerungen des neuen Leitungsteams, um Genregrenzen einzureißen. Nachdem sich nun das Schauspiel ausgekotzt hat, antwortet das Musiktheater lyrisch, aber nicht weniger exzentrisch. Gegeben wird die 1923 in Paris uraufgeführte lyrische Episode «Faust et Hélène» von Lili Boulanger mit einem Libretto von Eugène Adenis und basierend auf dem zweiten Teil des Goetheschen Stücks.
Dazu wird erst einmal ein riesiger be -gehbarer Stahlröhrenpudel auf die Bühne herabgelassen. In seinem Kern sitzt Hélène (Sayaka Shigeshima), unten warten Mephistopheles (Ilya Silchuk) und Faust (Sangmin Jeon), um sie zu beschwören, zu besingen, zu beknien. Großformatig setzt das Orchester ein, und die vier Schauspielheld:innen können nur zusehen, wie ihre Alter Egos in fantastisch historisierenden Kostümen, samt Pfauenfeder, Puffärmeln und Strumpfhosen, die ewige Schönheit zu sich herunter singen. Doch auch dieser Zauber bricht, und die Katastrophe folgt auf dem Fuße. Der Pudel verwandelt sich in ein brennendes Ungetüm, das nicht nur aus dem Rachen, sondern auch aus dem Hinterteil Feuer speit, während die Drehbühne mit dem Orchester immer furioser wird. Spektakulärer Abgang mit kleinem Epilog.
So schön kann Doktor namens Faust wohl nur in Weimar scheitern. Und das gleich doppelt.
NÄCHSTE VORSTELLUNGEN:
Faust et Hélène & Faust :: Mein Brustkorb : Mein Helm,
Nationaltheater Weimar: 2. Juli www.dnt-weimar.de
Theater heute Juli 2026
Rubrik: Aufführungen, Seite 16
von Torben Ibs
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