Fast lieber nirgends

Gisèle Vienne findet in Robert Walsers frühem Familiendrama «Der Teich» den Schatten einer ungeheuren Verletzung, zu Gast in der Kaserne Basel

Langsam, sehr, sehr langsam lässt das Blendlicht locker. Dann ein Cut to black. Und in der nächsten Sekunde ploppt vor den Augen des Publikums in der Kaserne Basel ein klinisch nackter Raum auf. Ein hübscher optischer Trick. Man sieht: leere Wände, ein Bett, ein portables Soundsystem, Getränkedosen, Süßkram. Dazu sieben Teenager-Dummys, die lebensechte Ausführung. Partybeats branden auf. Doch die Party, die fällt aus. Die Teenies werden abgetragen, klaglos, einzeln, von einem, der behutsam vorgeht, der ihr Vater sein könnte. Oder ihr Streetworker. Das dauert. Das entschleunigt.

 

Sieht aus wie flämische Jugendtheater-Avantgarde, dieser stumme Prolog, ist aber von Gisèle Vienne. Die Szene vibriert geradezu vor Bedeutungsleere und ist doch merkwürdig aufgeladen, so als ob gleich nichts und alles geschehen könnte. Kein Wunder, wir sind bei Robert Walser. Die austro-französische Theatermacherin ist bei dem fragilen, von Borderline-Schüben verfolgten Schweizer Autor auf ein frühes Stück gestoßen, «Der Teich», geschrieben vermutlich um 1902 für die jüngste Schwester. Das Manuskript hat Robert Walser in Berndeutsch verfasst, das tat er sonst nie, und es wurde auch erst Anfang der 1970er ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juli 2021
Rubrik: Aufführungen, Seite 21
von Stephan Reuter

Weitere Beiträge
«Kämpft um den Kuchen, nicht um das größte Stück!»

Eva Behrendt Die Berliner Freie Szene gilt als besonders vielfältig und ausdifferenziert. Welche Bedeutung hat sie für die Hauptstadt – und vielleicht auch darüber hinaus? 
Klaus Lederer Zunächst einmal glaube ich, dass Berlin nur deshalb zu der Kulturstadt werden konnte, die es heute ist, weil es eine unfassbare Diversität im Kulturbereich insgesamt gibt. Daraus...

Nebraska

Das Stück "Nebraska" ist aufgrund seiner Formatierung in diesem CMS nicht darstellbar. Bitte lesen Sie es in der E-Paper-Version oder senden Sie eine Mail an redaktion@theaterheute.de, wenn Sie ein PDF des Stücks wünschen.

Jenseits der Leitkultur

Ostdeutschland, Sorgenland. Vor jeder Landtagswahl geht das Bibbern los, dass die parlamentarischen Verhältnisse nicht zu weit nach rechts abrutschen. Mit jedem Wendejubiläum werden die Wunden hergezeigt: die Entvölkerung, die Rodung der einstigen Wirtschaft, das andauernde Gefühl, mit dem Mauerfall einen kolonialen Akt der Umwertung aller Werte und Strukturen...