Essential Kultur

Impuls zum 65. Jubiläum des Theaterverlags

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Liebes Team des Theaterverlags, liebe Mitfeiernde, liebe zu Ehrende,

was für ein schöner Anlass für diesen Abend – der Raum voller Menschen mit ehrlicher Begeisterung für Kultur, für Berlins Bühnen und ihre fantastischen Ensembles: Drei Opernhäuser, sieben Spitzenorchester, ein Staatsballett, Dutzende Bühnen, Museen und Galerien, Festivals, Clubs und eine freie Szene, deren Energie diese Stadt am Puls hält.

Dass Berlin zur Kulturmetropole werden konnte, verdankt sich keinem Masterplan.

Es passierte einfach, weil diese Stadt jenen Menschen Platz bot, die woanders die Enge nicht ertrugen, weil die Lebenshaltungskosten lange niedrig waren, weil Ost und West hier aufeinander neugierig sein mussten und weil die geteilten Stadthälften über ein großes Potenzial künstlerischer Kreativität verfügten – und die 1989/90 gewonnene Freiheit Weiteres anzog. Einige dieser Voraussetzungen erodieren aber gerade. Das trifft zuallererst die Subkultur. Vorgestern feierte man im «SchwuZ», legendäres queeres Wohnzimmer seit 48 Jahren, zum letzten Mal. Und da wird die Frage drängend: Wozu Kultur und wozu Kulturpolitik?

Für viele in der Politik ist Kulturpolitik vor allem Repräsentation, Selbstversicherung als «Kulturnation». Zu Deutschland und dem Begriff der Kulturnation kann man bei George Grosz einiges Launiges lesen. Aber ja: Humboldt-Forum, Nationalgalerie – dabei geht es natürlich auch um kulturfremde Zwecke. Man will zeigen, dass man wer ist und wer man ist. Aktuell scheint dazuzukommen: «… in Abgrenzung zu den anderen.» Das ist die Triebkraft aktueller Culture Wars, hier lässt sich trefflich spalten, Volkserziehung betreiben und nationale Erweckung üben – wer gehört dazu zum Volk, wer nicht? Die blaue Partei forderte jüngst im Abgeordnetenhaus ein Jagd-Museum und Spielpläne mit werkgetreuer Insze -nierung deutscher Kunst. Nationale Mythenbildung steht hoch im Kurs. Dem muss man sich verweigern. Aber wir sollten weder lachen noch die Anziehungskraft nationalistischer Selbstvergewisserung unterschätzen. Hier wird Kitt angerührt angesichts eines sozialen Zusammenhangs der permanenten Prekarität.

Der Neoliberalismus versteht Künste und Kultur vor allem als Standortfaktor oder als individual Skill im Kampf aller gegen alle. Klar, auch ich habe im Kampf um den Kulturhaushalt das Tourismusmoment immer wieder betont, den hohen Stellenwert künstlerischer Wertschöpfung für Berlins Stadtökonomie. Aber brauchen wir nur, was sich selbst trägt, «sich rechnet», wie mein Nachfolger insinuierte – also Unterhaltung, Belustigung, Selbstversicherung der sozialen Klassen, die das nötige Kleingeld dafür mitbringen? Nein, dem dürfen wir nicht aufsitzen, die Hilfsargumente unseres Lobbyismus nicht selbst glauben.

Wir sollten auch der Versuchung widerstehen, Künste und Kultur als Mittel zum Zweck des «gesellschaftlichen Zusammenhalts» zu verstehen – wie es jetzt im Namen der zuständigen Senatsverwaltung heißt. Oder als die entscheidende Arena des demokratischen Prozesses. Diese trotzige Selbstbeschwörung höre ich in jüngerer Zeit oft, aber stimmt sie? Als Argument für die Kulturförderung ist es schwach. Bei den Demos um und für die Berliner Kultur sind wir dann oft unter uns, auch hier also viel Selbstversicherung in unsicheren Zeiten und prekären Lagen.

Auch wenn ich überhaupt nichts dagegen habe, dass künstlerisch Engagierte auch politische Menschen sind: Wer Kunst und politischen Aktivismus verwechselt, hilft den Künsten nicht. Gute Kunst ist meist deutungsoffen. Kulturkampf ruft nach Simplifizierung, Zuspitzung, einseitiger Auflösung komplexer, dialektischer Zusammenhänge, nach schlichter Parteinahme und wütender Identifikation. Künstlerisch entsteht dabei nicht selten Kitsch. Für mich bleibt Kultur schlicht ein Essential und eine Grundlage für das, was eine gute und menschliche Gesellschaft ausmacht. – In der wir gerade nicht leben.

Kreativität, Entfaltung des individuellen Potenzials, nach meinem Verständnis ist das jedem Menschen gegeben, macht das Menschsein aus. Das ist universalistisch – weder national noch Standort, noch Parole oder Propaganda. Deshalb ist es so wichtig, Kultur und Kunst nicht als nachrangig zu betrachten. Und vielleicht lohnt es sich, entlang dieser Idee und Überzeugung nach Bündnissen zu suchen, um unser kulturelles Erbe zu pflegen und auszubauen. Weil darin das utopische Potenzial liegt, sich eine andere, bessere Gesellschaft vorzustellen – gegen die Mission der Weltverschlechterung, die derzeit auf allen Kanälen sendet.

Das kann nicht nur Berlin doch ganz gut gebrauchen, oder nicht?

Sie, liebe Kritiker:innen, Redakteur:innen und Freund:innen des Berliner Theaterverlags, sind Chronist:innen unseres Stadtbildes, um einen sehr modischen Begriff zu gebrauchen. Mit der jährlichen Kritiker:innen-Umfrage lenken Sie den Blick auf Neues, auf Ungehörtes, auf das, was sonst übersehen wird. Und das weit über Berlin hinaus. Sie ehren Talente, dokumentieren Entwicklungen und halten fest, was sonst verloren ginge. Ihre Archive sind Gedächtnis und Gegenwart zugleich.

In diesem Sinne: Einen ganz herzlichen Glückwunsch zum 65. Jubiläum des Theaterverlags. Und ein großes Dankeschön allen, die mit Worten, Interviews und Texten dazu beitragen, dass die Kultur Berlins nicht nur überlebt, sondern sich weiter entwickelt.

Denn um es mit Brecht zu sagen: «Ändere die Welt – sie braucht es.» Und manchmal reicht dafür schon ein einziger gut gesetzter Satz.


Theater heute Dezember 2025
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Klaus Lederer

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