Ernst und unpathetisch
Peter Palitzsch, gestorben mit 86 Jahren, war auf eine entschlossen bescheidene Weise nur er selbst; und dennoch verkörperte sich in ihm die Idee eines bedeutenden, ernsten deutschen Theaters. Das wäre ein Theater, das sich selbst ernst nimmt – noch ernster aber die Anderen: das Publikum eines Abends, die Bewohner einer Stadt, die Bürger unseres Landes und, ja, die leidenden und die Leid verursachenden Menschen auf der Welt. Sein Verhältnis zu dieser Idee von ernsthaftem, verpflichtetem Theater war ganz unpathetisch.
Er hat ihm mit Deutlichkeit, aber ohne Aufhebens sein Leben zur Verfügung gestellt. Asketisch, aber nie unfreundlich: So war sein Aussehen, so sein Verhältnis zu Mitarbeitern, zu Büchern, zu Ideen, zu sich selbst.
Brechts Lehre von der Verfremdung hatte er aufgenommen; aber die Haltung seiner gewichtigsten, denkwürdigsten eigenen Inszenierungen war nicht «episch», sondern «dramatisch»: den realen Spannungen zwischen Menschen zugewandt. Sein Realismus bestand nicht (wie damals oft) in der Häufung von Teetassen und Zigaretten, im laschen Geplauder mit vorgeplanten Pointen – sondern im Wegstreichen alles Nebensächlichen, im Herausarbeiten des Starken und Notwendigen jeder ...
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Eine spielt hübsch versonnen auf ihrem Xylophon, eine andere hat sich Klamotten in die Klamotten gestopft und hüpft wie ein verbeulter Teddybär über die Bühne. Einer im Anzug bekommt einen leichten epileptischen Anfall. Jemand versucht, einen Mohrenkopf in den Mund zu bugsieren, trifft aber die Stirn. Ein Panoptikum geistig Behinderter, Autisten, Spastiker. Doch...
Ihre Stimme kann komische Sachen machen. Auf dem Tonband unseres Gesprächs ist sie oft sehr leise. Nur wenn sie lacht, wird’s laut. Auf der Bühne aber hat Katja Reinke Stimmen zur Verfügung, die sie wie die Register einer Orgel zieht und überlagert. Fast unheimlich verwischt sie dabei akustisch ihr Alter. Am Telefon hätte man wenig Chancen, Reinke zu verorten. Kann...
Thomas Bernhard und Nürnberg – damit könnte man es sich sehr einfach machen: «… wie dieser schreckliche Ur- und Vor-Nazi Dürer», heißt es an einer Stelle in den «Alten Meistern», «der die Natur an die Leinwand gestellt und getötet hat, dieser schauerliche Dürer, wie Reger sehr oft sagt, weil er Dürer tatsächlich zutiefst hasst, diesen Nürnberger Ziselierkünstler.»
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