Entladung im Rave
Das Patriarchat ist tot. Bleich und leblos liegt es (Sigmund Peter/Rainer Böhme) auf dem von schwarzen Stofffetzen übersäten Bühnenboden des Schauspiels Frankfurt. Es handelt sich um den Vater der vier Brüder Karamasow, Fjodor: ein unerträglicher Schwätzer, Schmarotzer und Schürzenjäger, der seine Frauen systematisch in die Verzweiflung getrieben hat. In Linnenbaums Inszenierung kommt er selbst nicht zu Wort, die Handlung beginnt an seinem Grab und mit gegenseitigen Anschuldigungen der Brüder.
Wer hat den Vater ermordet? Ein Motiv scheint jeder von ihnen zu haben.
Fjodor Karamasow hat sich – wie wir von den Brüdern erfahren – nie sonderlich um seine Kinder gekümmert. In seinem letztem Roman entwirft Dostojekwski eine gesellschaftskritische Parabel des russischen Landadels des späten 19. Jahrhunderts. Dabei steht jeder der Söhne für ein anderes Lebensmodell: der hedonistische Dimitrij (Annie Nowak), der aufgeklärte Intellektuelle Iwan (Melanie Straub) und der christlich-religiöse Aljoscha (Lotte Schubert), der Mitleid und Vergebung als Werte hochhält. Hinzu kommt der uneheliche Sohn Smerdjakow (Elzemarieke de Vos), der eigentlich nur dazugehören möchte und am Ende den Vatermord ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute August/September 2024
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Yaël Koutouan
Vieles, was man an diesem Abend zu hören bekommt, ist kaum auszuhalten. Der Architekt Martin Schmitz erzählt von schweren Vergewaltigungen, die ein katholischer Priester an ihm als Kind über Jahre verübte und die sein weite -res Leben «und das aller Angehörigen!» bestimmte. Die heute in Bayern lebende Bäuerin Melanie Hach berichtet vom Aufwachsen im Stadtteil...
In der Mitte der Videothek in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, zwischen weißen DVD-Displays, Kunstpflanzen, Stapelstühlen und Filmplakaten, liegt ein roter Teppich auf dem Boden, darauf warten große Haushaltsscheren. Während Charlie Chaplin auf dem großen Screen im Hintergrund einen Monolog in Schwarzweiß hält – seine berühmte «Rede an die Menschheit» aus...
Dies ist meine erste Fahrt auf einem richtigen Motorrad. Ich sitze hinter Thomas, einem selbständigen Heizungsinstallateur aus Bitterfeld, auf seiner Honda, und mir wird etwas mulmig, als er auf der Landstraße zwischen Wolfen und Raguhn kurz auf 90 km/h beschleunigt und mir der Fahrtwind den nicht sehr gut sitzenden Leih-Helm nach hinten schiebt. Mit der einen Hand...
