Elfriede Jelinek: Die Schutzbefohlenen - was danach geschah (2024)

© ROWOHLT THEATER VERLAG, 2024

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Wir leben. Wir leben. Hauptsache, wir leben, und viel mehr ist es auch nicht als leben nach Verlassen der heiligen Heimat. Keiner schaut gnädig herab auf unseren Zug, aber auf uns herabschauen tun sie gern. Wir ohen, von keinem Gericht des Volkes verurteilt, von allen verurteilt dort und hier. Und hier sitzen wir jetzt herum, Heilige, außer Dienst gestellt. Worauf warten wir noch, auf den ehemaligen Zahnarzt aus Düsseldorf? Er wird uns hier nichts nützen, und wir werden ihm auch nichts nützen.

Warum nach Düsseldorf fahren, wo er derzeit nicht ist? Wir sitzen, als Heilige degradiert und arbeitslos, wir haben also Zeit, in den Ordinationen herum, wo sie ordinieren bei ihren unheiligen Messen, die Ärzte. Die haben gut zu tun. Wo wir uns doch endlich Zähne neu machen lassen wollen, ganz neue Zähne, wo man sie längst uns gezogen. Die Reihen wieder fest geschlossen. Und der deutsche Bürger, der deutsche Bürger, was macht der derweil, was hat er zu tun, das er dann doch nicht macht? Er sitzt gleich nebenan, untätig für sein Volk, er wartet, weil er keinen Termin bekommen hat, den Termin haben jetzt wir!, vielleicht kriegt er einen, erwartungsvoll spitzt er die Ohren, nein, doch nicht, er ...

ELFRIEDE JELINEK, geboren 1946 in Mürzzuschlag, studierte noch als Schülerin Musik am Wiener Konservatorium und begann mit Anfang zwanzig zu schreiben. Einige ihrer Theaterstücke («Burgtheater») und Romane («Die Klavierspielerin») lösten Skandale aus; Jelinek galt in ihrer Heimat immer wieder als «Nestbeschmutzerin». 2004 erhielt sie den Nobelpreis für Literatur. Seit Jahren sind ihre Stücke regelmäßig beim Berliner Theatertreffen und bei den Mülheimer Stücken zu Gast; zuletzt war sie 2022 mit «Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen?» und 2023 mit «Angabe der Person» bei den Mülheimer Theatertagen. Nach dem Nestroy-Theaterpreis für ihr Lebenswerk (2021) erhielt sie 2024 das Große Goldene Ehrenzeichen am Bande für Verdienste um die Republik Österreich

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Theater heute August/September 2024
Rubrik: Das Stück, Seite 100
von Elfriede Jelinek

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