Einstürzende Relevanz-Ordnungen
Es muss eine desillusionierende Erfahrung gewesen sein für die sieben Wichtigkeitsbeauftragten der deutschen Theaterkritik, als sie auf der Suche nach den bemerkenswertesten Inszenierungen auf die Probleme des schieren Überlebens stießen. Der Theatertreffen-Juror Bernd Noack hat im Maiheft dieser Zeitschrift beschrieben, wie er auf dem Weg in die Mittel- bis Hochkultur der Wiener Theater am Westbahnhof auf Polizei-Hundertschaften traf, hinter ihnen abgesperrte Bahnsteige, auf denen Flüchtlinge aus Syrien warteten.
«Sie haben Rucksäcke und Taschen, und man wundert sich, wie wenig ein Mensch auf eine Reise mitnimmt, die in ein anderes Leben führt.» Oder wie es war, am 13. November 2015 aus einer «Clavigo»-Vorstellung zu kommen und im Hotelfernseher die Anschläge in Paris zu sehen: «Da kam einem das Theater nicht nur rat- und machtlos, es kam einem nurmehr lächerlich und nebensächlich vor.»
Die sieben wackeren Kritiker waren nicht die Einzigen, die erleben mussten, wie sich solide Wertigkeiten innerhalb von Tagen oder Wochen in Nichts auflösen. Als sich die ehemalige Volkspartei SPD plötzlich mit Umfrageergebnissen im Splittergruppenbereich konfrontiert sah, suchte sie hektisch nach ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Jahrbuch 2016
Rubrik: Grenzen der Wichtigkeit, Seite 132
von Franz Wille
Europa wahrhaftig zu verteidigen bedeutet, die Idee von Europa zu schützen und eben nicht die Grenzen. Konstantin Küsperts Stück kann als ein leidenschaftliches Plädoyer für ein (europäisches) Engagement gelesen werden. Was macht Europa aus, fragt das Stück, sind es die Werte der Aufklärung, die Werte von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit? Oder ist Europa nur...
Wer ist Lucas? Diese Frage ist der rote Faden, der durch die sieben Szenen des Stücks führt – ohne jedoch jemals abschließend beantwortet zu werden. Lucas ist vor allem eine Leerstelle, die die Figuren beschwören und mit ihrer Sprache umkreisen, die sie aber nie füllen können. Er personifiziert das Paradox einer gleichzeitigen Anwesenheit und Abwesenheit, welches...
«Ich bin klein
mein Herz ist rein.
Soll niemand drin wohnen
Als Jesus allein.»
Wie viele Kinder müssen dieses Gebet vor dem Schlafengehen aufsagen? Es ist ein Ritual, und als solches schadet es nicht. Man spricht es, weil die Eltern es verlangen. Und irgendwann will man es vielleicht selber auch sprechen, weil man es nicht anders kennt. Die Rebellion setzt erst später...
