Eine Art Exorzismus
Ich muss dieses Buch schreiben, bevor ich wieder funktioniere und weitermachen kann», sagt die Erzählerin kurz vor Ende ihrer Geschichte, als sie bereits zum zweiten Mal in einer Klinik zur psychotherapeutischen Behandlung ist. Schreiben als Selbstheilung. Das Vorhaben scheint geglückt. Die Erzählerin hat, bis wir zu diesem Satz gelangen, längst ihren Ausdruck gefunden, hat das Verschwiegene und Verhärmte ihrer Familiengeschichte zur Sprache gebracht.
Drei Generationen von Müttern hat sie uns vorgestellt: Urgroßmutter, Großmutter, Mutter, ausgewandert aus dem sozialistischen Tschechien, gestrandet in einer bundesdeutschen Rei -henhaussiedlung. Urgroßmutter und Großmutter sind tief geprägt von ihrer katholischen Herkunft und vom Regime der Ehemänner und Väter, in dem Prügel und Liebesentzug den Alltag bestimmen und das Wort des Patriarchen über allem steht. Es ist auch Vermächtnis: «Ich verabschiede mich von der Welt wegen der schlech -ten Geschäfte und der Unmöglichkeit, mit meiner Frau zu leben», schreibt der Urgroßvater, be -vor er sich erhängt. Sein Selbstmord ist die Initiationsszene der Familie und des Buches. Von ihr aus reicht eine Spur von Schmerz, Gewalt und ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute 12 2022
Rubrik: Bücher, Seite 49
von Christian Rakow
Über das Thema Muttersein wurde schon immer viel gesprochen, doch wurden wesentliche Aspekte lange tabuisiert. Auch heute noch herrscht vor allem die Erzählung des glücklichen heterosexuellen Paares vor, das in Liebe zueinander ein Kind macht. Was all jene ausschließt, die mit dem Kinderkriegen Probleme haben. Sei es, weil sie ungewollt schwanger werden, sei es,...
Spätestens seit Hans-Thies Lehmanns 1999 erschienenem Standardwerk «Postdramatisches Theater» gilt die Postdramatik als prägende Ästhetik auf den deutschsprachigen Bühnen. Bemerkenswert allerdings, dass nie so ganz klar ist, wer im Theater nun eigentlich postdramatisch arbeitet – der Begriff läuft Gefahr, ein Phantom zu werden, das auf so ziemlich jede:n...
Sie glauben an die Vernunft der Menschheit, nur – die Menschheit ist dumm. In diesem Widerspruch sind auch wir noch gefangen, wie Gorkis Figuren. Alle Menschen sind Kinder der Sonne, aber den Menschen, denen wir begegnen, fehlt das Licht der Vernunft. Von Maxim Gorki, dem Vorzeigeliteraten der Sowjetunion, der noch mit Lenin und Stalin posierte, erwartet man solch...
