Eine Art Exorzismus
Ich muss dieses Buch schreiben, bevor ich wieder funktioniere und weitermachen kann», sagt die Erzählerin kurz vor Ende ihrer Geschichte, als sie bereits zum zweiten Mal in einer Klinik zur psychotherapeutischen Behandlung ist. Schreiben als Selbstheilung. Das Vorhaben scheint geglückt. Die Erzählerin hat, bis wir zu diesem Satz gelangen, längst ihren Ausdruck gefunden, hat das Verschwiegene und Verhärmte ihrer Familiengeschichte zur Sprache gebracht.
Drei Generationen von Müttern hat sie uns vorgestellt: Urgroßmutter, Großmutter, Mutter, ausgewandert aus dem sozialistischen Tschechien, gestrandet in einer bundesdeutschen Rei -henhaussiedlung. Urgroßmutter und Großmutter sind tief geprägt von ihrer katholischen Herkunft und vom Regime der Ehemänner und Väter, in dem Prügel und Liebesentzug den Alltag bestimmen und das Wort des Patriarchen über allem steht. Es ist auch Vermächtnis: «Ich verabschiede mich von der Welt wegen der schlech -ten Geschäfte und der Unmöglichkeit, mit meiner Frau zu leben», schreibt der Urgroßvater, be -vor er sich erhängt. Sein Selbstmord ist die Initiationsszene der Familie und des Buches. Von ihr aus reicht eine Spur von Schmerz, Gewalt und ...
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Theater heute 12 2022
Rubrik: Bücher, Seite 49
von Christian Rakow
Wer wären wir denn, wir Postmodernistinnen und -modernisten, uns von schnöden Realitäten in die Knie zwingen zu lassen? Zumal von solchen, die sich frech als ultimativ aufspielen? David, der Sohn von Renate und Konrad Herzer, hatte vor drei Jahren einen tödlichen Autounfall; er war damals acht. «Aber die Eltern» – um die Sachlage mit der YouTuberin «Angel Wing...
Über das Thema Muttersein wurde schon immer viel gesprochen, doch wurden wesentliche Aspekte lange tabuisiert. Auch heute noch herrscht vor allem die Erzählung des glücklichen heterosexuellen Paares vor, das in Liebe zueinander ein Kind macht. Was all jene ausschließt, die mit dem Kinderkriegen Probleme haben. Sei es, weil sie ungewollt schwanger werden, sei es,...
«Das leidendste Tier auf Erden erfand sich das Lachen»
Friedrich Nietzsche
Im 13. Jahrhundert», erklärt uns der aus Burkina Faso stammende Politikwissenschaftler Wilfried Zoungrana, «legte der Kaiser des damaligen Malireiches ‹Scherzverwandtschaften› zwischen verschiedenen Völkern fest, um Frieden zu stiften.» Was mag das bedeuten? Hinter dem Wort...
