Ein fatales Signal
Theater heute Der neue Bundeskulturetat für 2026 ist mit 2,57 Milliarden Euro der höchste aller Zeiten, nur die Darstellende Kunst, besonders die Freien Gruppen, fallen neuerdings durch den Rost. Schon im letzten Jahr hatte Wolfram Weimers Vorgängerin Claudia Roth die für die internationalen Produktionshäuser vorgesehenen fünf Millionen Euro gestrichen, dann aber zumindest in Teilen wieder genehmigt. Nun sollen sie komplett wegfallen.
Über welche Summen reden wir jetzt konkret?
Amelie Deuflhard Das Bündnis internationaler Produktionshäuser – FFT Düsseldorf, HAU Hebbel am Ufer Berlin, HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste Dresden, Kampnagel Hamburg, Künstler*innenhaus Mousonturm Frankfurt a.M., PACT Zollverein Essen und tanzhaus NRW – gibt es seit zehn Jahren. Es hat ursprünglich vier Millionen Euro gemeinsame Produktionsmittel vom Bund erhalten; 2023 wurde es erhöht auf fünf Millionen, ab 2026 sind die Gelder gestrichen. Aus meiner Sicht ist das nicht nur für die sieben Häuser, sondern für die gesamte Freie Szene ein fatales kulturpolitisches Signal, denn diese Mittel haben sehr viel angeschoben. Es erscheint darüber hinaus aber auch wie eine Richtungs -entscheidung der Bundeskultur: Internationalität, Innovation und Experiment fallen aus der Förderung. Erklärungen dazu gibt es leider nicht.
TH Hinzu kommt die Vernetzung, denn die Gelder waren dafür gedacht, dass nicht jedes der regional situierten Häuser für sich allein arbeitet, sondern dass alle gemeinsam agieren können.
Deuflhard Diese Vernetzung ist für die gesamte Freie Szene in Deutschland enorm wichtig, weil damit sowohl national als auch international koproduziert werden konnte, auch ohne zusätzliche Drittmittelanträge. Davon profitierte sowohl die Freie Szene in Deutschland als auch die internationale erheblich.
TH Die interne Aufteilung der Gelder sah vor, dass jedes der sieben Häuser etwa 600.000 Euro zusätzlichen Produktionsetat bekam, der Rest waren Gemeinschaftskosten.
Deuflhard Diese Mittel sind speziell für gemeinsame thematische Schwerpunkte und Programme gedacht und müssen in Rela -tion zu den sonstigen Produktionsmitteln stehen. Bei einem großen Haus wie Kampnagel Hamburg machen sie immerhin ein Fünftel des künstlerischen Etats aus, bei Häusern wie Hellerau Dresden oder dem Frankfurter Mousonturm sind es knapp 40 Prozent. Mit den verbliebenen Gemeinschaftskosten wurden unter anderem drei Stellen finanziert, verschiedene Akademien und mit «Claiming Common Spaces» ein großes jährliches gemeinschaftliches Ereignis. Wir haben diesen drei Mitarbeiter:innen zum Glück noch nicht kündigen müssen, weil wir Überbrückungsgeld vom Fonds Darstellende Künste bekommen haben – in der nach wie vor kampflustigen Hoffnung, den Kürzungsbeschluss rückgängig machen zu können oder zumindest zu korrigieren. Dafür geben wir uns noch ein Jahr.
TH Wie sehen sonst die unmittelbaren Auswirkungen aus?
Deuflhard Alle sieben internationalen Produktionshäuser sind extrem antragsabhängig – niemand verfügt über eine Vollfinan -zierung für das Programm. Wenn so ein fester Etatbestandteil wegbricht, heißt das, dass viele der zunächst geplanten antragsunabhängigen Programme in Frage stehen. Bei uns zum Beispiel die kontinuierlichen thematischen Schwerpunkte Migration, Flucht und Postkolonialismus. Das betrifft sowohl Arbeiten mit Künstler: -innen aus afrikanischen Ländern als auch mit diasporischen Künstler:innen aus Hamburg oder den Aktionsraum «Migrantpolitan», den wir vor zehn Jahren gegründet haben – eine Erfolgsgeschichte. Solche Projekte sind extrem gefährdet, weil wir zusätzliche Drittmittel benötigen, wenn wir sie nicht aufgeben wollen. Es geht auch um Projektcluster zu Inklusion oder Klimawandel. Ich überlege gerade fieberhaft, wie wir das Geld zurückerobern oder alternative Geldquellen auftun können.
TH Diese gestrichenen Mittel finanzieren ja nicht nur einzelne Projekte, sondern können auch als Eigenanteil in Anträge eingebracht werden und sich im besten Fall vervielfachen.
Deuflhard Absolut. Mit Bundesgeldern kann man beispielsweise EU-Gelder beantragen, auch da sind alle unsere Häuser sehr aktiv. Die Bündnisgelder waren eine wichtige Investition in eine vitale Kunstlandschaft. Es fällt mir schwer zu verstehen, dass man das nach zehn Jahren noch jemandem erklären muss! Unser Staatsminister für Kultur und Medien sagt gerne, er möchte vor allem die Superstars und Bedeutendes fördern. Aber es wachsen eben keine Superstars heran, wenn es keine breite Szene mit einer vitalen Förderlandschaft gibt, aus der heraus sie sich entwickeln können.
TH Gibt es einen Dialog mit dem Staatsministerium Kultur zum Thema?
Deuflhard Die Produktionshäuser haben gerade eine Terminanfrage rausgeschickt. Ich persönlich habe ihn schon getroffen, als er zur Verleihung des Kurzfilmpreises auf Kampnagel war. Zu Beginn unserer Unterhaltung fragte er mich, ob ich irgendetwas von ihm brauche – außer Geld. Ende des Gesprächs? Nein, Zeit zu reden ...
Das Gespräch führten Eva Behrendt und Franz Wille
Theater heute Januar 2026
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Eva Behrendt und Franz Wille
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