Ein Baum, der zweifelt
Zum Schluss sitzen da zwei Menschen erschöpft nebeneinander, ein Paar, das sich nichts geschenkt hat, sichtlich abgekämpft, aber dennoch ein Paar. Er schocksteif, mit schreckgeweiteten Augen und noch immer festgezurrter Krawatte, sie, im blutrot geblümten Abendkleid, leicht derangiert, den Kopf an seine Schulter gelehnt. Wüsste man nicht, dass gerade jeder von ihnen eins der gemeinsamen Kinder ermordet hat, ein gemeinsamer Neuanfang wäre nicht unvorstellbar.
Mit seiner Inszenierung von Tom Lanoyes Mythen-Revision «Mamma Medea» an den Münchner Kammerspielen hat Stephan Kimmig ein sehr heutiges Beziehungsdrama in schmutzigen Grautönen gezeichnet – weniger schicksalhaft ausweglos als von beiden Seiten selbst verantwortet und mitverschuldet bis zum hier gemeinsamen Kindermord. Kein Starvehikel für eine Schauspielerin – obwohl Sandra Hüller als nölende Megäre in Jogginghosen wahrlich furios spielt –, sondern die Chronik einer von Anfang an prekären Liebe zwischen zwei Entwurzelten. Voraussetzung dafür ist natürlich die entsprechende Besetzung des männlichen Parts, und die ist mit Steven Scharf in der Rolle des Jason, so Kimmig, «ein absoluter Glücksfall».
Die Jason-Verteidigung
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