Ei der Angst
Dass Anna Viebrocks Performance zur Karnevalszeit herauskam, muss mancher Kölner als Provokation empfunden haben. Denn Heiterkeit findet hier so ganz anders zu sich selbst, als der Kölner es zu kennen meint: Sie ist nichts anderes als die eher unscheinbare Kehrseite einer abgrundtiefen Melancholie, die wiederum eine der Urformen der Angst bildet. Auf seine Art ist der Viebrock-Abend ein Beitrag zum Darwin-Jahr: Zur «Entstehung der Arten» gehört (bereits in Darwins Werk) das «Erlöschen der Arten».
Und das Darwin-Jahr ist ja auch wieder nichts anderes als die kulturhistorische Kehrseite des Krisenjahrs 2009, auch wenn es vorläufig nur Firmen sind, die weltweit erlöschen.
Der letzte lebende Riesenalk – das ist ein Seevogel – wurde 1844 gesichtet. Aber das ausgestorbene Tier ist auf Viebrocks Bühne letztlich nur Vorwand für die liebevolle Erforschung der seelischen Befindlichkeit eines Ornithologen namens Ludwig; man mag dabei an Kaltenburg denken, den Protagonisten in Marcel Beyers Roman, den Viebrock und ihr Co-Autor Malte Ubenauf benutzen, oder auch an Ludwig Wittgenstein: an einen sanften manischen König im Reich der Forschung, dem der wunderbare Josef Ostendorf zu einer ...
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