Durch den Krieg schreiben
Muss man in Kriegszeiten Stücke über den Krieg schreiben oder lesen oder auf die Bühne bringen? Ist es überhaupt möglich, und welchen Nutzen könnte es haben? Lässt sich ästhetisch fassen, was gerade vorgeht? Und wenn Zuschauer: -innen es hierzulande im Theater betrachten, was könnte der Gewinn sein? Wer will das sehen? Und andererseits – wer stellt (sich) diese Fragen? Wer kann sich solche Fragen leisten? Von Wladimir Majakowski (und ich bin mir wirklich nicht sicher, ob Natalia Vorozhbyt mit dieser Referenz einverstanden wäre) stammt der Satz: «Man kann nicht über den Krieg sc
hreiben, man muss aber durch den Krieg schreiben.» Bei allen ästhetischen Schwierigkeiten, adäquat über etwas zu schreiben, das sich der Beschreibung immer wieder und vielleicht sogar grundsätzlich entzieht, so ließe sich das übersetzen, ist die Anerkennung des Kriegszustandes die Voraussetzung für relevante Literatur, in unserem Falle relevantes Theater.
Die ukrainische Autorin und Regisseurin Natalia Vorozhbyt schreibt in diesem Sinne «durch den Krieg», über den Krieg als Zustand. Nicht im Allgemeinen, sondern sehr konkret über den seit nunmehr acht Jahren währenden Krieg in ihrem Heimatland, der sie vor ...
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Theater heute Jahrbuch 2022
Rubrik: Neue Stücke, Seite 163
von Sebastian Huber
Wie gelangen wir sicher ins Innere? Und wieder hinaus, ohne den Halt zu verlieren?», fragt sich gleich zu Beginn von Kevin Rittbergers neuem Stück «Wir sind nach dem Sturm» der Bergrat Wilhelm August Julius Albert. Die Rede ist vom Vordringen in die Erde, die doch so viele Schätze unter ihrer harten Kruste verbirgt, die scheinbar gehoben sein wollen. Gleichzeitig...
Als ich im Jahr 2004 im Schauspielhaus Bochum in einen Lift auf den Weg nach oben Richtung Intendanz stieg, stand da ein Edding-Graffiti: «Don’t cry – work». Schon damals fand ich diese neoliberale Selbstausbeutungsdevise ziemlich strange und widerlich. Der Spruch passte perfekt in ein Haus mit brüllendem Intendantenchef, der später die Schauspielstudentinnen mit...
Lange hat man am Stadttheater geglaubt, dass man die Spitze der Menschlichkeit verkörpere. Man verstand sich als links, progressiv, gesellschaftskritisch und zeigte von der Bühne aus gerne mit dem Finger Richtung Publikum. Ihr seid zu kapitalistisch, egozentrisch, kümmert euch nicht um Ungerechtigkeit und so weiter. Doch spätestens seit #MeToo rumpelt es auch in...
