Dresdner Bürgerklassik

Die letzten Premieren von Intendant Wilfried Schulz: «Schiff der Träume» nach Federico Fellini und Michel Houellebecqs «Unterwerfung»

Theater heute - Logo

Wenn das Ende naht, schlagen die Emotionen hoch. Auf dem «Schiff der Träume», während am imaginären Horizont ein Panzerkreuzer der Österreicher aufzieht und – es ist 1914 – die Herausgabe serbischer Schiffsbrüchiger fordert, halten die Passagiere Trauer­feier für eine verehrte Opernsängerin: «Kyrie eleison», «Herr erbarme dich», tönt es aus einem Herzen, zu einem Himmel hinauf, oben auf dem stählernen Koloss, den Sabrina Rox ins Staatsschauspiel Dresden gebaut hat. Ein Schiffsrumpf als Baugerüst ins Jenseits.

Akkorde aus «Freude schöner Götterfunken» mischen sich in den Choral, das Sinnen steigt höher und höher, und von weither wie durch ein altes Telefon spricht einer der Reisenden (Theaterintendant Reginald: Thomas Eisen): «Ach, es wäre natürlich schön gewesen, wenn die Rührung auch den Österreichern ans Herz gegriffen und sie ihr Kriegsschiff wieder abgezogen hätten. Aber dem war nicht so. Sie wollten die Serben, und wie sie sie wollten.» Und mit sicherem Gespür für Pathos pointiert er: «Und noch schöner wäre es natürlich gewesen, wenn wir trotz all des Machtgeprotzes gesagt hätten: Nein, wir geben sie euch nicht.»

Es ist das Ende eines Theaterabends und das Ende der Intendanz ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2016
Rubrik: Aufführungen, Seite 17
von Christian Rakow

Weitere Beiträge
Familien- und Gesellschaftsmuster

Peer Gynt», steht auf der ersten Umschlagseite des Programmhefts, «Oder die Unmöglichkeit, Peer Gynt zu sein» auf der zweiten. «Oder wie Henrik Ibsen 1879 anfing, unglaublich tolle Frauenrollen zu schreiben», folgt auf der dritten. Schließlich ein vierter Titel-Anlauf: «Oder die Erlaubnis für Frauen, total auszurasten». In ungefähr diesen Gedankenschritten dürfte...

Der Wolf im Schafspelz

Es ist dieser Moment in Daniela Löffners angstfrei emotionaler Inszenierung von Brian Friels Turgenjew-Dramatisierung «Väter und Söhne», wenn tatsächlich jeder Widerstand bricht. Der pensionierte Militärarzt Wassilij Iwanowitsch Bazarow, ein großer Mann, der sich sehr klein fühlt und das hinter vielen Worten zu verbergen sucht, ist verstummt. Sein Sohn ist tot,...

Bremen: Familienaufstellungen

Nora barmt. «Dein kleines Eichhörnchen würde herumhüpfen und Kapriolen schlagen, wenn du lieb und artig bist» säuselt Karin Enzler im eigenartig verrutschten Konjunktiv. Aber ein Hüpfen kann man sich ganz und gar nicht vorstellen bei dieser Nora, die kühl und emotionslos halb zu sich selbst spricht, halb ans Publikum und praktisch gar nicht an ihre Mitspieler....