Dresden: Kunden-Empowerment

Dirk Laucke «Früher war alles» (U)

Theater heute - Logo

Till (Stefan Vogl) ist «ein Kunde». Diese aus konsumgesellschaftlicher Sicht maximal missverständliche Vokabel bezeichnete im DDR-Idiom ungefähr das, was heute den Nerd mit dem Aussteiger verbindet. Der realsozialistische «Kunde» trug gemeinhin eine Langhaarfrisur zum Parka und lag sowohl mit fragwürdigen Kollektiv-Er­ziehungsberechtigten wie der Pionierleiterin im Clinch als auch mit einem Großteil der eigenen spießig-angepassten Altersgenossen.

Diese Identität bezahlt Till in Dirk Lauckes Stück «Früher war alles», das Jan Gehler im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden mit der dortigen Bürgerbühne urinszeniert hat und das in der DDR-Zeit beginnt, denkbar hart: Er wird wiederholt zusammengeschlagen, mit Rufen à la «Asoziales Schwein! Gehörst vergast!» in seiner Blutlache liegen gelassen und wäre ein hoffnungs­loser Romantiker, wenn er in solchen Situationen ernsthaft auf polizeiliche Hilfe zählen würde. 

Lauckes Stück – im Untertitel: «Geschichten von Träumen und Abwicklungen in Freital» – handelt also von jener sächsischen Stadt, die im Jahr 2015 praktisch zum Synonym für Fremdenfeindlichkeit wurde. Der Fokus des Autors, der vor Ort recherchiert und die aufgefundenen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juli 2019
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Christine Wahl

Weitere Beiträge
Mannheim: Minimalistische Dystopie

Da sitzt er auf seinem Fluggerät, einen Holzstuhl als Pilotensitz, mit einem umgedrehten Hocker als Lenkrad und einen Ritterhelm aus Plastik auf den Kopf. Mit seinem Raumschiff, der «Integral», möchte er zu den Sternen aufbrechen, um die Bewohner ferner Planeten zu zivilisieren – und sie von einem System zu überzeugen, an dem er selbst gerade zweifelt. Denn der...

Bremen: Ans Eingemachte

Das Foyer des Bremer Theaters hat sich in ein Pop-up-Restaurant verwandelt. Holztische stehen dicht an dicht, an den Wänden hängen bunte Plakate, arabischer Pop dudelt, hinter einer Bar köchelt scharfe Erdnusssoße. Alles wirkt auf undurchsichtige Weise gleichzeitig koordiniert und improvisiert, ähnlich den Kaschemmen, die man in Asien und Lateinamerika häufig am...

Unter Druck

Henning Bochert Frau Stolowitz, Ihr Stück befindet sich bei New Dramatists (New York City) und dem Artists Repertory Theater (Portland, OR) in der Entwicklung und wurde Anfang Mai in szenischer Lesung bei New Dramatists vorgestellt. Was hat Sie auf die Idee zu «Recent Unsettling Events» gebracht?

Andrea Stolowitz Ich unterrichte an mehreren Universitäten. Mir war...