Mannheim: Minimalistische Dystopie
Da sitzt er auf seinem Fluggerät, einen Holzstuhl als Pilotensitz, mit einem umgedrehten Hocker als Lenkrad und einen Ritterhelm aus Plastik auf den Kopf. Mit seinem Raumschiff, der «Integral», möchte er zu den Sternen aufbrechen, um die Bewohner ferner Planeten zu zivilisieren – und sie von einem System zu überzeugen, an dem er selbst gerade zweifelt.
Denn der «Einzige Staat», den Jewgenij Samjatin in seinem Roman «Wir» entwirft, hat die Mängel der Menschheit mithilfe von mathematischer Gleichschaltung ausgemerzt: Anstelle von Namen tragen alle Menschen eine Nummer, sie leben in transparenten Behausungen und folgen, auf die Sekunde genau, dem selben Tagesplan – inklusive des nachmittäglichen Spaziergangs zur Erholung, der sich eher wie ein Massenaufmarsch à la Riefenstahl ausnimmt. D-503 ist Mathematiker, glühend glaubt er an die Überwindung der lästigen Individualität durch knallharte Logik und führt das Publikum enthusiastisch strahlend in die Gesetze des «Einzigen Staates» ein. Bis ihm, wie könnte es anders sein, eine Frau den Kopf verdreht und er plötzlich eine Missbildung entwickelt: eine Seele nämlich.
Im Studio Werkhaus des Nationaltheaters Mannheim hat Roscha A. Säidow ...
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Theater heute Juli 2019
Rubrik: Chronik, Seite 64
von Esther Boldt
Wer braucht sie noch, die von rassistischen weißen Männern geschriebenen Klassiker? Wie viel künstlerische Freiheit darf sich andererseits politisch korrekte Kunst erlauben? Die Frage nach der Identität ist in den USA derzeit allgegenwärtig und beherrscht auch die Theaterwelt. Eine von Anbeginn an rassistische Gesellschaft bedarf zweifelsohne der Aufarbeitung ihrer...
Michael Merschmeier Sie schreiben in Ihrem autobiografischen Buch «Ich stehe zur Verfügung»: «Kuhstall war der eine Geruch meiner Kindheit, der andere war Weihrauch.»
Peter Simonischek Schreib ich das wirklich? (lacht laut)
MM Tun Sie. Kuhstall und Kirche vermitteln Geborgenheit, Gemeinschaftsgefühle. Ein gutes Ensemble kann auch eine Gesellschaft wie eine...
Am Anfang war: ER. Der Mensch als Maß aller Dinge, damit er über die Fische im Meer und die Vögel am Himmel, über das Vieh und alle wilden Tiere und über alle Kreaturen, die sich über den Boden bewegen, herrschen konnte.
Er trennte sich vom Tanzen und Rezitieren des griechischen Chorus und sprach: «ICH» – die Geburt des tragischen Helden. Von dort ging er hinaus...
