Mannheim: Minimalistische Dystopie
Da sitzt er auf seinem Fluggerät, einen Holzstuhl als Pilotensitz, mit einem umgedrehten Hocker als Lenkrad und einen Ritterhelm aus Plastik auf den Kopf. Mit seinem Raumschiff, der «Integral», möchte er zu den Sternen aufbrechen, um die Bewohner ferner Planeten zu zivilisieren – und sie von einem System zu überzeugen, an dem er selbst gerade zweifelt.
Denn der «Einzige Staat», den Jewgenij Samjatin in seinem Roman «Wir» entwirft, hat die Mängel der Menschheit mithilfe von mathematischer Gleichschaltung ausgemerzt: Anstelle von Namen tragen alle Menschen eine Nummer, sie leben in transparenten Behausungen und folgen, auf die Sekunde genau, dem selben Tagesplan – inklusive des nachmittäglichen Spaziergangs zur Erholung, der sich eher wie ein Massenaufmarsch à la Riefenstahl ausnimmt. D-503 ist Mathematiker, glühend glaubt er an die Überwindung der lästigen Individualität durch knallharte Logik und führt das Publikum enthusiastisch strahlend in die Gesetze des «Einzigen Staates» ein. Bis ihm, wie könnte es anders sein, eine Frau den Kopf verdreht und er plötzlich eine Missbildung entwickelt: eine Seele nämlich.
Im Studio Werkhaus des Nationaltheaters Mannheim hat Roscha A. Säidow ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juli 2019
Rubrik: Chronik, Seite 64
von Esther Boldt
Filme auf dem Theater haben den Vorteil der geschlossenen Erzählung, die das Publikum schätzt, die das Theater, das sich um avancierte Zeitgenossenschaft bemüht, aber hinter sich gelassen hat. Filme auf dem Theater haben den Vorteil, dass das Theater an einem theaterfremden Stoff alle seine vielfältigen Mittel der ästhetischen Brechung linearer Narrativität...
Der arme Michael hatte ja kürzlich gemeinsam mit dem Ingo Premiere an Urvater Olivers Theaterstätte. Ein Klassiker von William über einen schwarz angemalten Mann, der aus Wut darüber, dass er ein Taschentuch findet, seine schöne, jüngere Frau ermordet», lästern Anne Haug und Melanie Schmidli (Projekt Schooriil) in ihrer Theater-Miniatur «Let the Fame Grow». «Früher...
Wie leicht es doch ist, aufzufallen in unserer (selbsterklärtermaßen) toleranten, offenen Gesellschaft! Ein ungewohnter Laut im Theater, ein Zucken des Kopfes in der U-Bahn, ein unkontrollierter Ausruf am Strand: Menschen mit Tics können ein Lied davon singen. Leises Pfeifen, Zungenschnalzen und Miau-Laute sind der Sound, mit dem «Chinchilla Arschloch waswas....
