Dresden: Anjas Wut

Tschechow «Der Kirschgarten»

Keine untergehende Berufsgruppe, Partei oder Gesellschaft, die sich nicht wunderbar in der Eigentümerin des «Kirschgartens» spiegeln ließe! Zwar ist die Ranjewskaja mehr als pleite, aber eben auch reich gesegnet mit der Grundarroganz verarmter Aristokraten. Dass ihr Gut versteigert wird, steht zwar unmittelbar bevor, kann aber dessen ungeachtet eigentlich gar nicht sein. Schließlich ist der «Kirschgarten» im «Enzyklopädischen Lexikon» verzeichnet.

Und der vermeintliche Rettungsplan, den der Sozialaufsteiger Lopachin ihr da unterbreitet hat, nämlich das landschaftliche Gesamtkunstwerk zu parzellieren, mit Datschen zu bestücken und an Feriengäste zu vermieten, kann aus ihrer Sicht auch wirklich nur einem Materie-fernen Volltrottel einfallen – der das Gut am Ende natürlich erwerben und umgehend die Axt an die Baumkultur legen wird! 

Dieser Sozialkonflikt geht selbstverständlich immer auf der Bühne. Andreas Kriegenburg, der den «Kirschgarten» jetzt im Großen Haus des Staatsschauspiels Dresden in eine Art White Box gezirkelt hat, auch diesmal Regisseur und Bühnenbildner in Personalunion, entrückt das Geschehen in eine zeitlose Distanz mit Commedia-dell’arte-Anleihen. Die Kostüme sind ...

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Theater heute Januar 2020
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Christine Wahl

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