Dresden: Anjas Wut
Keine untergehende Berufsgruppe, Partei oder Gesellschaft, die sich nicht wunderbar in der Eigentümerin des «Kirschgartens» spiegeln ließe! Zwar ist die Ranjewskaja mehr als pleite, aber eben auch reich gesegnet mit der Grundarroganz verarmter Aristokraten. Dass ihr Gut versteigert wird, steht zwar unmittelbar bevor, kann aber dessen ungeachtet eigentlich gar nicht sein. Schließlich ist der «Kirschgarten» im «Enzyklopädischen Lexikon» verzeichnet.
Und der vermeintliche Rettungsplan, den der Sozialaufsteiger Lopachin ihr da unterbreitet hat, nämlich das landschaftliche Gesamtkunstwerk zu parzellieren, mit Datschen zu bestücken und an Feriengäste zu vermieten, kann aus ihrer Sicht auch wirklich nur einem Materie-fernen Volltrottel einfallen – der das Gut am Ende natürlich erwerben und umgehend die Axt an die Baumkultur legen wird!
Dieser Sozialkonflikt geht selbstverständlich immer auf der Bühne. Andreas Kriegenburg, der den «Kirschgarten» jetzt im Großen Haus des Staatsschauspiels Dresden in eine Art White Box gezirkelt hat, auch diesmal Regisseur und Bühnenbildner in Personalunion, entrückt das Geschehen in eine zeitlose Distanz mit Commedia-dell’arte-Anleihen. Die Kostüme sind ...
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Theater heute Januar 2020
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Christine Wahl
Keinen Moment zweifelt Ophelia daran, dass Hamlet sie noch liebt. Das Beste für sie will, auch wenn er es nicht sagen kann. In jener üblen Szene, in der er die junge Frau demütigt, beleidigt, ins Kloster schicken will, hebt sie ihn einfach hoch. Die schmale Gina Haller mit fast kahl rasiertem Kopf, Herrenjackett über dem weißen Kleid, nimmt ihn und stellt ihn...
Smart sieht er aus, dieser Iwanow, der jetzt Nikolas «Nicki» Hoffmann heißt: Wie er so traurig in den Himmel guckt, dabei von der Videokamera eingefangen und an die Rückwand der Bühne gezoomt wird, während die melancholische Songwriterstimme von Bill Callahan erklingt, der eine traurige Ballade von Dunkelheit und sterbenden Schatten singt. Ein bisschen wie im Film...
Das nennt man vorausblickende Spielplangestaltung: Just an jenem 10. Oktober, an dem die Akademie in Stockholm bekannt gab, dass der Literaturnobelpreis 2019 an Peter Handke geht, hatte in Klagenfurt dessen Drama «Die Stunde da wir nichts voneinander wussten» Premiere. Das stumme Stück besteht aus unzähligen Mikrodramen – oder eher Nanodramen – und ist ein...
