Dortmund: Das durchsemiotisierte Mädchen
Dortmund, der Ort des achten Mordes des NSU-Trios, ist ein geeigneter Ort für Elfriede Jelineks «Das schweigende Mädchen». Beate Zschäpe schweigt, Elfriede Jelinek lässt sprechen. Jelinek hat sich vom schweigenden Mädchen zur schreibwütigen Nobelpreisträgerin therapiert («Ich bin schweigsam wie das Mädchen, hahaha!»). Das passt.
Michael Simons setzt als Regisseur und Bühnenbildner in der Megastore-Halle, der Ausweichspielstätte des Dortmunder Schauspiels, auf die Wirkung des Raumes und der Bilder.
Sechs Engel (Frank Genser, Marlena Keil, Bettina Lieder, Uwe Schmieder, Friederike Tiefenbacher, Merle Wasmuth) predigen. Das Publikum gruppiert sich in der leeren Halle um ihre Auftrittsorte: ein von der Schrottpresse eingeebnetes Polizeiauto, ein Eimer mit Reißwolfschnipseln, eine überdimensionierte Einkaufstasche mit Reinigungsmitteln, ein Leichensack, ein Sperrmüllcontainer. Auf einer rot-schwarzen Wand liest man in meterhohen Buchstaben die Worte «Angst» und «Wut». An der linken Seite der Halle kann man auf schwarz-rot-goldenem Grund die Namen der zehn Opfer des NSU-Trios lesen, auf der rechten die Orte der Taten vor dem Gemälde einer Berglandschaft, an der Rückwand die Artikel 1 und ...
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Theater heute Februar 2016
Rubrik: Chronik, Seite 48
von Gerhard Preußer
Der Fall ist gleich gelöst, aber ein Herz bleibt zerrissen. Kleists «Der zerbrochne Krug», erzählt nicht so sehr als Höllensturz und Sündenfall des alten Adam, sondern als Evchen-Tragödie. Sie verliert den Glauben an die Menschheit. Ihr allein gehört zunächst die Bühne in den Bochumer Kammerspielen: Eves seelischer Not, die alles aussagen könnte, aber nichts sagen...
Schaut man aus dem 21. Jahrhundert auf Ramstein, das europäische Hauptquartier der amerikanischen Luftwaffe bei Kaiserslautern, kann einem der Unfall auf der Air Base, bei dem 1988 während einer Flugschau 70 Menschen ums Leben kamen, schon wie ein Vorbote des 21. Jahrhunderts und seiner schuldig-unschuldigen Kriege vorkommen. Heute spielt, wie in Deutschland...
Als «massives Kompendium des Zornwissens», ohne «das die Dramen des 20. Jahrhunderts nicht angemessen beschreibbar sind», hat Peter Sloterdijk das Marxsche Werk einmal bezeichnet. Womit recht gut die Faszination bezeichnet ist, die Marx noch immer auf die Dichter und Denker ausübt. Die Arbeitswerttheorie, die Verelendungstheorie oder die Thesen zum tendenziellen...
