Doppelter Alptraum
Schon sehr bald nach seinem kopfschmerzgeplagten Aufwachen hat Lenglumé ein Problem: Er kann sich nicht mehr an den vorherigen Abend erinnern. Und schon gar nicht an den anderen Mann, der da in seinem Bett liegt. Dieser Monsieur Mistingue kann ebenfalls nicht bei der Aufklärung helfen: Auch er hat einen gedächtnislöschenden Brummschädel. Aber wo hat Lenglumé dann den Regenschirm mit Affenkopf verloren, den er sich ausgeliehen hatte und mit dem eine Kohlenhändlerin erschlagen wurde? So steht es jedenfalls in der Morgenzeitung.
Wahrscheinlich sie selbst, schlussfolgern die beiden messerscharf.
Mit der kleinen, minutiös ausgetüftelten Versuchsanordnung hat Eugène Labiche (Deutsch von Elfriede Jelinek) dem Pariser Geldbürgertum des 19. Jahrhunderts die Gewissenshosen heruntergezogen: Man hält sich unter dem dünnen Zivilisationslack mit der größten Selbstverständlichkeit zu allem fähig. Mord- und Totschlag? Warum nicht? Danach beginnt im Stück eine wilde Selbstverfolgungsjagd: vorsichtige Recherchen, was gewesen sein könnte, und zugleich panisches Indizienverstecken. Jede Volte beweist nur aufs Neue überraschend die akute Schuldfähigkeit.
Klaus-Michael Grüber hatte das Stück an der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Mai 2024
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Franz Wille
Es war einmal eine alte Schaumstoff-Matratze. Die hatte viele Jahre in einer Berliner Wohnung gelegen – Menschen hatten auf ihr geschlafen, ihre Träume und Krankheiten auf sie gebettet, geschwitzt, Liebe gemacht und manchmal vielleicht auch einige Tränen vergossen. Als sie nun alt geworden war, und an einer Straßenecke im Prenzlauer Berg auf ihre Entsorgung...
In ihrer Version des «Don Carlos» berufen Felicitas Brucker und Arved Schultze sich auf ein Regiebuch, das Friedrich Schiller 1787 für den damaligen Direktor des Theaters in Riga erstellt hatte. In der baltischen Metropole stand nach Hamburg und Leipzig die Drittinszenierung des europäischen Königsdramas auf dem Spielplan. Im Jahr darauf folgten Frankfurt, Mannheim...
Fokussierung zum Tod
«Arbeit und Struktur» von Wolfgang Herrndorf am Schauspielhaus Düsseldorf, inszeniert von Adrian Figueroa
Es gibt einen Unterschied zwischen dem existenziellen Trost einer großen Erzählung und dem Müll, von dem wir eindeutig zu viel lesen. So schrieb es der krebserkrankte Autor Wolfgang Herrndorf in seinem Blog-Tagebuch «Arbeit und Struktur»....
