Doppelter Alptraum

Eugène Labiche «Affäre Rue de Lourcine», Elfriede Jelinek «Ulrike Maria Stuart» in Berlin

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Schon sehr bald nach seinem kopfschmerzgeplagten Aufwachen hat Lenglumé ein Problem: Er kann sich nicht mehr an den vorherigen Abend erinnern. Und schon gar nicht an den anderen Mann, der da in seinem Bett liegt. Dieser Monsieur Mistingue kann ebenfalls nicht bei der Aufklärung helfen: Auch er hat einen gedächtnislöschenden Brummschädel. Aber wo hat Lenglumé dann den Regenschirm mit Affenkopf verloren, den er sich ausgeliehen hatte und mit dem eine Kohlenhändlerin erschlagen wurde? So steht es jedenfalls in der Morgenzeitung.

Wahrscheinlich sie selbst, schlussfolgern die beiden messerscharf.

Mit der kleinen, minutiös ausgetüftelten Versuchsanordnung hat Eugène Labiche (Deutsch von Elfriede Jelinek) dem Pariser Geldbürgertum des 19. Jahrhunderts die Gewissenshosen heruntergezogen: Man hält sich unter dem dünnen Zivilisationslack mit der größten Selbstverständlichkeit zu allem fähig. Mord- und Totschlag? Warum nicht? Danach beginnt im Stück eine wilde Selbstverfolgungsjagd: vorsichtige Recherchen, was gewesen sein könnte, und zugleich panisches Indizienverstecken. Jede Volte beweist nur aufs Neue überraschend die akute Schuldfähigkeit.

Klaus-Michael Grüber hatte das Stück an der ...

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Theater heute Mai 2024
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Franz Wille

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