Doppelter Alptraum

Eugène Labiche «Affäre Rue de Lourcine», Elfriede Jelinek «Ulrike Maria Stuart» in Berlin

Theater heute - Logo

Schon sehr bald nach seinem kopfschmerzgeplagten Aufwachen hat Lenglumé ein Problem: Er kann sich nicht mehr an den vorherigen Abend erinnern. Und schon gar nicht an den anderen Mann, der da in seinem Bett liegt. Dieser Monsieur Mistingue kann ebenfalls nicht bei der Aufklärung helfen: Auch er hat einen gedächtnislöschenden Brummschädel. Aber wo hat Lenglumé dann den Regenschirm mit Affenkopf verloren, den er sich ausgeliehen hatte und mit dem eine Kohlenhändlerin erschlagen wurde? So steht es jedenfalls in der Morgenzeitung.

Wahrscheinlich sie selbst, schlussfolgern die beiden messerscharf.

Mit der kleinen, minutiös ausgetüftelten Versuchsanordnung hat Eugène Labiche (Deutsch von Elfriede Jelinek) dem Pariser Geldbürgertum des 19. Jahrhunderts die Gewissenshosen heruntergezogen: Man hält sich unter dem dünnen Zivilisationslack mit der größten Selbstverständlichkeit zu allem fähig. Mord- und Totschlag? Warum nicht? Danach beginnt im Stück eine wilde Selbstverfolgungsjagd: vorsichtige Recherchen, was gewesen sein könnte, und zugleich panisches Indizienverstecken. Jede Volte beweist nur aufs Neue überraschend die akute Schuldfähigkeit.

Klaus-Michael Grüber hatte das Stück an der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2024
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Achtung und Vergebung

Richard Alewyn beschreibt in seinem im Programmheft von Johan Simons’ Inszenierung von Pedro Calderón de la Barcas «Das Leben ein Traum» abgedruckten Text «Die Welt ist ein Theater» das Barocktheater als Welttheater. Folgerichtig hat Johannes Schütz eine Kugel in die Mitte der Drehbühne im Hamburger Thalia Theater gestellt, eine Weltkugel, nicht besonders groß,...

Im Schatten der Sphinx

Franz Wille Eins der großen Ereignisse dieser Spielzeit ist die «Anthropolis»-Serie des Hamburger Schauspielhauses in der Regie von Karin Beier: fünf Stücke, teils Übersetzungen, teils neu geschrieben nach mythischen oder antiken Vorlagen um die Stadt Theben. Insgesamt ein riesiges Projekt, selbst für die Verhältnisse eines großen deutschsprachigen Stadttheaters....

Spezialist für Weltbeschreibung

Der Anfang März dieses Jahres in Cambridge im Alter von 89 Jahren verstorbene englische Dramatiker kam aus einer in der Londoner Vorstadt Holloway lebenden Arbeiterfamilie. Kriegserlebnisse, vor allem die Bombardierung Londons, die Evakuierung sowie die soziale Deklassierung prägten seine Kindheit und wurden später die Themen seiner Stücke. 15-jährig verließ er...