Digitales Rudelverhalten
Als wäre ein Druckventil geplatzt, sprach man im Frühling der Öffnung 2022 so viel über das Publikum wie seit Jahren nicht mehr. Der Beginn der Pandemie, die erste Schließungswelle, die zweite, noch längere: Das Theater war, durchaus begreiflich, zwei Jahre lang mit sich selbst beschäftigt. In dieser Zeit gerieten die Mindestgagen für junge Künstler:innen in den Fokus, und sogar die Soloselbstständigen erhielten mehr Gehör. Viele Stadttheater dachten konkret über Machtmissbrauch nach und allgemein über flachere Führungskulturen – mal frei- und mal widerwillig.
Und wer über Digitaltheater sprach, redete über angemessene künstlerische Formen, fast noch lieber über Ressourcen und Stellenpläne, denn jede deutsche Revolution denkt rechtzeitig an das Regelwerk. Wer als einzige Größe erstmals keine Rolle spielte: das Publikum.
Prozentuale Auslastungen in den mittleren Fünfzigern sind nun keine Einzelfälle. Es handelt sich um ein strukturelles Problem und beschreibt Größeres als eine Premiere von Regisseur Christopher Rüping im Hamburger Thalia Theater, die nicht ausverkauft war. Rüpings Social-Media-Affinität, sein Standing und seine Beliebtheit bei Journalist: -innen (er redet flüssig ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Jahrbuch 2022
Rubrik: Risiko, Seite 40
von Tobi Müller
Als ich an diesem zukünftigen Abend ins Theater ging, fiel mir zuerst eine Gruppe auf, die sich vor dem Theater austauschte. Sie waren alt und jung, sprachen angeregt und respektvoll miteinander. Aus Gesprächsfetzen nahm ich wahr, dass es sich teils um dem Theaterbetrieb zugehörige Personen einer Künstlerischen Leitungsgruppe handelte, teils um außenstehende...
Natürlich hat sich, seit ich vor fünfzehn Jahren angefangen habe, am Theater zu arbeiten, einiges im Bezug auf Machtstrukturen verändert. Die lautstarken öffentlichen Diskurse der letzten wenigen Jahre um Machtmissbrauch und auch die damit verbundenen personellen Konsequenzen – wenn es denn welche gab – haben zu einem überlegteren Umgangston am Theater geführt. Es...
Mit der Liebe war es ja noch nie leicht. Und wohl genau deswegen sind über alle Jahrhunderte hinweg zahllose sprachlich komplexe, teils hoch verdichtete Werke entstanden, die das Literaturthema Nummer eins in Worte fassen und um eine Sprache ringen für komplizierte Gefühls -lagen. Vieles, was über die Liebe und deren handfestere Schwester, die Sexualität, gesagt...
