Diese schreckliche Indifferenz
In Jean Baudrillards Denken, vor allem seinem späten, rechten Ideologien zuneigendem, gibt es eine starke Verkettung von Langeweile und Hass. Sein ständiger Abgesang auf die geistlose Leere der modernen Gesellschaft, auf die verderbliche westliche Werte-Suggestion durch Warenanreize und das mediale Ereignis-Voodoo, zeugte recht offen von seiner Sehnsucht nach dem Ausbruch von Gewalt als Korrektiv.
9/11 und den terroristischen Islamismus benannte Baudrillard dann auch als «die Revolte der Anti-Körper» und beschrieb den politischen Massenmord im Namen Allahs nicht ohne stille Hoffnung als einen Weckruf für den westlichen Werteschlaf.
Kurz vor seinem Tod 2007 äußerte er sich dazu noch einmal in geradezu anerkennenden Worten: «Die ganze Welt, China und Japan eingeschlossen, wird in die postmoderne Zersplitterung und Entwurzelung hineingezogen, die die Werte hinter sich lässt. Es gibt eine Ausnahme: den Islam. Er allein fordert die radikale Gleichgültigkeit, die die Welt durchfegt, heraus.»
Demokratie-Defätismus
Mit diesem Demokratie-Defätismus passt Baudrillard perfekt in die inszenatorische Ehrenhalle, die Frank Castorf seit längerem für bestimmte männliche Autoren baut, die starke ...
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Theater heute März 2016
Rubrik: Aufführungen, Seite 18
von Till Briegleb
Zombies treiben schon seit längerem ihr Unwesen auf deutschen Bühnen. So konsequent wie in Kassel allerdings ist das Prinzip selten durchexerziert worden. Die fünfköpfige Familie aus Vater, Mutter, Tante, Sohn und Tochter, der der junge Regisseur Ersan Mondtag im kleinen tif eine geometrisch durchgemusterte 60er-Jahre-Wohnhölle in schrillem Rot und Gelb gebaut hat,...
Ich bin auch nur ein Arschloch», outete sich Milo Rau unlängst in der Schweizer «Sonntagszeitung». Der Grund, in Kürze: Unser aller eurozentristische Betroffenheitskultur – vulgo: Mitleid – angesichts der weltpolitischen Lage verschiebe real zu führende Debatten in symbolische Entlastungsräume und mache uns somit zu «zynischen Humanisten».
Knackige, aber korrekte...
Irgendwann während der Lektüre von Roland Schimmelpfennigs erstem Roman «An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts» werden einem mit Sicherheit Titel früherer Theaterstücke des Autors einfallen: «Aus den Städten in die Wälder, aus den Wäldern in die Sädte» etwa; dann vielleicht «Für eine bessere Welt» oder «Die vier Himmelsrichtungen»,...
