Die Wiederentdeckung des Analphabeten
Es war einmal ein namenloser Diener, der von seinem Herrn, einem gewissen Capulet aus Verona, eine Gästeliste in die Hand gedrückt bekam und darauf starrte wie jenes sprichwörtliche Schwein in jenes sprichwörtliche Uhrwerk. Der Kerl konnte weder lesen noch schreiben und hatte dennoch einen Auftrag zu erfüllen, der von ihm verlangte zu wissen, was geschrieben steht. Der Diener fand einen, der ihm die auf der Liste verzeichneten Namen vorlas, erfüllte den Auftrag und verlor sich in den Gassen Veronas.
Der «Analphabet» erlebt seine Geburt auf dem Theater als ein Mann des Volkes.
Sein Defizit ist das der groundlings im Parkett. Als diese sich anschicken, des Schreibens und Lesens mächtig zu werden, verliert er an Bedeutung für die Bühne. Sein Abgang, mangels Relevanz in der Bevölkerung, schien endgültig zu sein. – Aber nun hat Christoph Nußbaumeder (nach einer Geschichte von Christian Erhart) mit Bernhard Beinlich, einem Mittdreißiger aus dem süddeutschen Raum, die Figur des «Analphabeten» fürs Theater wieder entdeckt. Stellvertretend, ganz in der Tradition der Volksfigur, steht sein Protagonist für vier Millionen erwachsene Bürger unserer Republik, die weder schreiben noch lesen ...
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