Die Wiederentdeckung des Analphabeten
Es war einmal ein namenloser Diener, der von seinem Herrn, einem gewissen Capulet aus Verona, eine Gästeliste in die Hand gedrückt bekam und darauf starrte wie jenes sprichwörtliche Schwein in jenes sprichwörtliche Uhrwerk. Der Kerl konnte weder lesen noch schreiben und hatte dennoch einen Auftrag zu erfüllen, der von ihm verlangte zu wissen, was geschrieben steht. Der Diener fand einen, der ihm die auf der Liste verzeichneten Namen vorlas, erfüllte den Auftrag und verlor sich in den Gassen Veronas.
Der «Analphabet» erlebt seine Geburt auf dem Theater als ein Mann des Volkes.
Sein Defizit ist das der groundlings im Parkett. Als diese sich anschicken, des Schreibens und Lesens mächtig zu werden, verliert er an Bedeutung für die Bühne. Sein Abgang, mangels Relevanz in der Bevölkerung, schien endgültig zu sein. – Aber nun hat Christoph Nußbaumeder (nach einer Geschichte von Christian Erhart) mit Bernhard Beinlich, einem Mittdreißiger aus dem süddeutschen Raum, die Figur des «Analphabeten» fürs Theater wieder entdeckt. Stellvertretend, ganz in der Tradition der Volksfigur, steht sein Protagonist für vier Millionen erwachsene Bürger unserer Republik, die weder schreiben noch lesen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Was für ein kaltes Luder! Gerade erst hat man sich gemütlich eingerichtet im schicken Wohnzimmer der Tesmans und in Thomas Ostermeiers elegant realistischer Inszenierung, hat sich wohlwollend und eine Spur gelangweilt angehört, wie Lars Eidingers Jörgen Tesman leicht trottelig, zerstreut und beflissen die nervös bemühte Tante Jule (Lore Stefanek) besänftigte, da...
Der Gegenwartsautor ist im Zeitalter von Projekten und omnipotenten Regisseuren zu einer knöchernen Existenz erstarrt: altmodisch, lästig, rückständig in seinem Beharren auf Sprache, anmaßend in dem Glauben, einem Text könne vertraut werden. Katharina Schmidt, Jahrgang 1980 und Absolventin des Studienganges «Szenisches Schreiben» an der Universität der Künste...
Was unternimmt der noch jugendliche Großkritiker, wenn auf einmal niemand mehr Großkritiker braucht? Wohin verschlägt es den Feuilleton-Star, wenn die Zeit der Edelfedern zu Ende geht? Nicht nur im Theater hat sich seit den Neunzigern einiges geändert, auch am Feuilleton ist der Zug der Zeit nicht vorbeigefahren. Und der Kulturbetrieb im Allgemeinen bietet schon...
