Die Wiederentdeckung des Analphabeten
Es war einmal ein namenloser Diener, der von seinem Herrn, einem gewissen Capulet aus Verona, eine Gästeliste in die Hand gedrückt bekam und darauf starrte wie jenes sprichwörtliche Schwein in jenes sprichwörtliche Uhrwerk. Der Kerl konnte weder lesen noch schreiben und hatte dennoch einen Auftrag zu erfüllen, der von ihm verlangte zu wissen, was geschrieben steht. Der Diener fand einen, der ihm die auf der Liste verzeichneten Namen vorlas, erfüllte den Auftrag und verlor sich in den Gassen Veronas.
Der «Analphabet» erlebt seine Geburt auf dem Theater als ein Mann des Volkes.
Sein Defizit ist das der groundlings im Parkett. Als diese sich anschicken, des Schreibens und Lesens mächtig zu werden, verliert er an Bedeutung für die Bühne. Sein Abgang, mangels Relevanz in der Bevölkerung, schien endgültig zu sein. – Aber nun hat Christoph Nußbaumeder (nach einer Geschichte von Christian Erhart) mit Bernhard Beinlich, einem Mittdreißiger aus dem süddeutschen Raum, die Figur des «Analphabeten» fürs Theater wieder entdeckt. Stellvertretend, ganz in der Tradition der Volksfigur, steht sein Protagonist für vier Millionen erwachsene Bürger unserer Republik, die weder schreiben noch lesen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Was unternimmt der noch jugendliche Großkritiker, wenn auf einmal niemand mehr Großkritiker braucht? Wohin verschlägt es den Feuilleton-Star, wenn die Zeit der Edelfedern zu Ende geht? Nicht nur im Theater hat sich seit den Neunzigern einiges geändert, auch am Feuilleton ist der Zug der Zeit nicht vorbeigefahren. Und der Kulturbetrieb im Allgemeinen bietet schon...
Es ist mein innerlichstes Stück», sagt die 31-jährige Autorin, die im vergangenen Sommer als Nachwuchsdramatikerin des Jahres gewählt wurde und diesen Sommer schon ihr sechstes Stück vorlegt. Sie hat gerade ihr Studium Szenisches Schreiben an der UdK Berlin absolviert und bereits das Reich der Profis erreicht. Spannende Inszenierungen sind aus ihren Texten...
The history of my family started with my birth», sagt Savyon Liebrecht, «ich weiß nicht, wer meine Großeltern, meine Onkel, meine Tanten waren, meine Eltern haben nie ein Wort darüber verloren.» Zürich, Café Odeon. Wir sitzen an der Bar. Gut hundert Meter weiter schimmert der See, knapp hundert Jahre früher tranken Lenin, die Dadaisten und die künftige Crème de la...
