Ficken ist retro
Der Gegenwartsautor ist im Zeitalter von Projekten und omnipotenten Regisseuren zu einer knöchernen Existenz erstarrt: altmodisch, lästig, rückständig in seinem Beharren auf Sprache, anmaßend in dem Glauben, einem Text könne vertraut werden.
Katharina Schmidt, Jahrgang 1980 und Absolventin des Studienganges «Szenisches Schreiben» an der Universität der Künste Berlin, demonstriert mit ihrem Text «Maxi-Singles» diese Vorgestrigkeit auf vorbildliche und verblüffende Weise: Die Figuren ihres Theaterstücks verfügen über eine klar umrissene Psychologie, sie haben Namen wie Jana und Tom, werden als sozial verortbare Individuen erkennbar und unterhalten sich – oh, Wunder! – in Dialogen. Das Ganze liest sich, als hätte es die letzten Jahrzehnte an Formalwagnis, Epik, Fragmentierung des Ichs und Antidramatik nicht gegeben, unbelastet, absolut gegenwärtig, witzig und mutig in seinem Zugriff auf die Mittel des Theaters.
Hierzu die Autorin selbst, ein kurzes Dialogzitat:
ELKE: Ich studiere Theaterwissenschaften, und du?
TOM: Ich schreib Theaterstücke.
ELKE: Echt? Ist ja abgefahren!
TOM: Grad hab ich eins in der Mache, Titel: «Heute so, morgen gestern». Ist eine Replik auf die postdramatischen ...
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