Die Welt ist eine Wiese
Schon wieder Werther! In einer Zeit perpetuierter Außen-Katastrophen, die das subjektive Erleben dominieren, in der Corona, Klimawandel und der Krieg die Welt von überall her einschnüren und zum Schreckbild gerinnen lassen, scheint Goethes Explosion des Subjektivismus bis zur Selbstauslöschung so etwas wie das Gegenmodell der Stunde. Der ich-besoffene Ego-Shooter Werther, der so unrettbar in und um sich selbst kreist, ist aus dieser Sicht ein fast beneidenswertes Kind von einem anderen Stern, den es in seiner Intaktheit so längst nicht mehr gibt.
Vielleicht liegt darin ein Grund, warum nach Cosmea Spellekens fulminantem Echtzeit-Countdown via Social Media, Julien Gosselins Sturmund-Drang-Rekapitulation an der Volksbühne und zuletzt Ewelina Marciniaks und Jarosław Murawskis postmortalem Dekonstruktionsversuch am Deutschen Theater nun auch noch das Residenztheater München mit «Werther. Ein theatralischer Leichtsinn», inszeniert von der künftigen Hausregisseurin Elsa-Sophie Jach, an den Start geht.
Diesmal ganz analog auf der großen Bühne als Beinahe-Solo mit weiblich-musikalischer Assistenz vor einem monumentalen Blumen-Prospekt. Werther erscheint dabei als androgynes Emo-Wesen ...
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Theater heute August/September 2022
Rubrik: Chronik, Seite 59
von Silvia Stammen
AACHEN, GRENZLANDTHEATER
5.8. Setaire, Ein Herz aus Schokolade
R. Anja Junski
16.9. Hübner und Nemitz, Die Wahrheiten
R. Volker Schmalöer
AACHEN, THEATER
16.9. Stockmann, Das Imperium des Schönen
R. Moritz Peters
22.9. nach Louis, Die Freiheit einer Frau
R. Tommy Wiesner
24.9. Syha nach Steinbeck, Jenseits von Eden
R. Martin Schulze
ALTENBURG/GERA, TPT
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Vivos voco. Mortuos plango. Fulgura frango», lautet die Inschrift auf vielen christlichen Kirchenglocken: «Die Lebenden rufe ich, die Toten beklage ich, die Blitze breche ich.» – Diese Zeilen stellte Friedrich Schiller auch seinem Lyrik-Klassiker «Das Lied von der Glocke» (1799) voran. «Als Motto für ein Festival in Zeiten nach der Pandemie erschien uns Vivos voco...
Eigentlich haben wir mit Corona gerade eine Zeit des ungeheuren Rückzugs ins Private erlebt, mit Seelenschauen im Guten wie im Schlechten, mit Intimität und psychischer Labilität, mit einem Zuwachs an Abschottungswillen und an häuslicher Gewalt. Da passt kaum etwas besser als Ingmar Bergmans 1973 in sechs Teilen ausgestrahlte Fernsehserie «Szenen einer Ehe», ein...
