Die Welt ist eine Wiese
Schon wieder Werther! In einer Zeit perpetuierter Außen-Katastrophen, die das subjektive Erleben dominieren, in der Corona, Klimawandel und der Krieg die Welt von überall her einschnüren und zum Schreckbild gerinnen lassen, scheint Goethes Explosion des Subjektivismus bis zur Selbstauslöschung so etwas wie das Gegenmodell der Stunde. Der ich-besoffene Ego-Shooter Werther, der so unrettbar in und um sich selbst kreist, ist aus dieser Sicht ein fast beneidenswertes Kind von einem anderen Stern, den es in seiner Intaktheit so längst nicht mehr gibt.
Vielleicht liegt darin ein Grund, warum nach Cosmea Spellekens fulminantem Echtzeit-Countdown via Social Media, Julien Gosselins Sturmund-Drang-Rekapitulation an der Volksbühne und zuletzt Ewelina Marciniaks und Jarosław Murawskis postmortalem Dekonstruktionsversuch am Deutschen Theater nun auch noch das Residenztheater München mit «Werther. Ein theatralischer Leichtsinn», inszeniert von der künftigen Hausregisseurin Elsa-Sophie Jach, an den Start geht.
Diesmal ganz analog auf der großen Bühne als Beinahe-Solo mit weiblich-musikalischer Assistenz vor einem monumentalen Blumen-Prospekt. Werther erscheint dabei als androgynes Emo-Wesen ...
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Theater heute August/September 2022
Rubrik: Chronik, Seite 59
von Silvia Stammen
Was ist das für ein Raum? Das soll eine Bühne von Robert Wilson sein, dieses verwüstete Atelier, voll gestopft, ungeordnet, anarchisch? Auf der Bühne des Düsseldorfer Schauspielhauses ist das Atelier von Francis Bacon nachgebaut, wie man es von Fotografien kennt. Ja, das passt: der grandiose Maler des 20. Jahrhunderts, Anatom und Menschenbildnis-Zertrümmerer, der...
SZENE 0
Eingeblendeter Text:
Im Sommer 2018 war ich in Polen auf der Suche nach Zeugen der Operation Wisła.
Sie sind jetzt schon sehr alt und fast alle sind Frauen. Ihre Geschichten sind fast alle gleich.
«Wir waren auf dem Feld. Dann kam ein Soldat. Er hat gesagt, wir haben eine Stunde zum Packen. Wir kamen zum Bahnhof. Mussten in Viehwaggons einsteigen. Wir...
Vögel zwitschern, Lichterketten glühen, Sekt und Häppchen werden gereicht. Im lauschigen Park am Ringlokschuppen in Mülheim an der Ruhr hat sich das Publikum zur Freiluft-Eröffnung des Impulse-Theaterfestivals eingefunden. Und dann werden die Vogelstimmen lauter, kommen aus Lautsprechern auf der Wiese hinter der Rednerbühne, vermischen sich mit den echten aus dem...
