Lauschige Endzeit

Nach zwei Jahren Pandemie findet das Impulse-Festival in NRW wieder live statt – mit Stadtteilprojekten, Debatten um Safe Spaces und Kollektive, und mit Selbstermächtigungskunst

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Vögel zwitschern, Lichterketten glühen, Sekt und Häppchen werden gereicht. Im lauschigen Park am Ringlokschuppen in Mülheim an der Ruhr hat sich das Publikum zur Freiluft-Eröffnung des Impulse-Theaterfestivals eingefunden. Und dann werden die Vogelstimmen lauter, kommen aus Lautsprechern auf der Wiese hinter der Rednerbühne, vermischen sich mit den echten aus dem Park. Das Thema, das in der Inszenierung «Extinction Room. Hopeless» des rumänisch-Berliner Choreografen Sergiu Matis verhandelt wird, hat allerdings nichts mit fröhlichem Festivalbeginn zu tun.

Es geht in dieser Mischung aus Tanz und Vortrag um das Aussterben, das Verschwinden, die Selbstzerstörung der Welt. Vordergründig sind es Vögel, denen hier mit Ernst und Trauer gedacht wird. Ihr Original-Zwitschern stammt aus uralten Tierstimmen-Archiven. Auf Englisch erzählen die Performer die tieftraurigen Geschichten des Sibirischen Kranichs, der Javakibitze, des Dodos und vieler mehr. «This is your return to nature», singen sie verlangsamt klagend oder hoffende Hymnen wie in einer heiligen Messe. Dabei bewegen sie sich selbst wie Vögel, schlagen mit den Armen, hüpfen herum, werben tanzend umeinander. 

159 Arten in 500 Jahren ...

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Theater heute August/September 2022
Rubrik: Festivals, Seite 16
von Dorothea Marcus

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