Die und wir
Heute hier, morgen da, übermorgen ganz woanders – Fotograf:innen neigen zur beruflichen Heimatlosigkeit, auch wenn sie sich vorzugsweise mit dem Theater beschäftigen. Dass aber einer wie der Berliner Fotograf Thomas Aurin sich schon am Beginn der Karriere (die ihn von der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz aus an viele große Theater führte) ausgerechnet auf die Partnerschaft mit dem Gefängnisleben einließ und dieser Passion treu blieb bis heute, kann gar nicht genug gerühmt werden.
Mit den Bildern, in denen er die Produktionen des Berliner Gefängnistheaters «auf-Bruch» dokumentiert, ist er der wichtigste Autor im opulenten Foto- und Text-Buch zum 25-jährigen Bestehen des Theaters hinter Gittern. Über 400 großformatige Seiten des gewichtigen Bandes aus dem Berliner Alexander Verlag werden getragen von Aurins Impressionen aus dieser besonderen und sehr fremden Welt. Jedes Bild ist von unbändiger, zuweilen nachgerade explodierender Intensität. Aber könnte es auch anders sein? Das Buch spielt im Gefängnis, unter verurteilten Kriminellen, Menschen (Männern), die die persönliche Freiheit verloren haben für sehr lange Zeit, deren Leben auf schwer erträgliche Weise beschränkt worden ist – weil sie ihrerseits Leben, Leib und Gut anderer in nicht hinnehmbarer Art ge- oder beschädigt haben. Dass die Gefangenen in diesem Buch beim Theaterspiel zu sehen sind, war zu «aufBruch»-Gründerzeiten und blieb für viele bis heute eine Herausforderung für das Verständnis der Gesellschaft über sich selbst.
Der Kultur-Journalist Hans-Dieter Schütt arbeitet seit einigen Jahren auch als Dramaturg mit dem «aufBruch»-Ensemble, das mittlerweile noch intensiver als zu Gründerzeiten die Welten drinnen und draußen miteinander verzahnt; Gefangene spielten aber auch schon früh mit Ehemaligen und freiberuflichen Schauspielerinnen und Schauspielern. An den Spielstätten in der JVA Tegel, im Kultursaal und auf dem Freigelände zwischen den Gefängnisblöcken hatte die Geschichte begonnen, die Aurin dokumentiert; immer öfter spielt «aufBruch» seither aber auch an kaum bekannten oder vergessenen Orten im Berliner Stadtraum; etwa der halb zugewucherten Gustav-Böß-Freilichtbühne im Berliner Volkspark Jungfernheide.
Herausgeber Schütt spürt in eigenen Texten der Bedeutung nach, die Kunst und Kultur (und speziell Theaterarbeit wie diese) zum einen für die Gefangenen selber bekommen kann, zum anderen aber auch für das Publikum, dass diesem Prozess der Aneignung zuschaut. Denn grundsätzlich bleibt es ja bei der Differenz, beim «Die und Wir» – wie wohlwollend wir auch verstehen wollen, was das heißt: unfrei sein unter Zwang. Auch der Was-wärewenn-Gedanke ist ja immer da; und die bohrende Frage danach, wie kriminell jeder und jede von uns werden könnte; wie wir leben würden, wenn wir Täter wären und Schuld auf uns geladen hätten.
Wichtig im furiosen Stimmengewirr dieses Buches sind darum auch Zeugen-Aussagen wie die des Schauspielers und Regisseurs Herbert Fritsch, der von eigenen Erfahrungen vom Gefangen-Sein erzählte beim legendären «Knastfestival» der «aufBruch»-Gründerzeit im Jahr 2000 in der Volksbühne; unter immensem bürokratisch-sicherheitstechnischen Aufwand durften damals auch internationale Gäste und Ensembles anreisen.
Naturgemäß liefern die frühen Jahre, als alles für alle ganz neu war, die mitreißendsten Geschichten. Schütt spricht mit Holger Syrbe, Mit-Begründer, bis heute Bühnenbildner und Raumgestalter sowie künstlerischer Leiter neben dem aktuellen Regisseur Peter Atanassow; Sibylle Arndt kommt zu Wort, von Beginn an unverzichtbar in der Organisation des Projektes. Olaf Heischel erinnert sich, der als Jurist an den Bedingungen für die Begegnungen von draußen und drinnen mitgearbeitet hat und zu den Gründern des Vereins Kunst und Knast gehörte, wie auch die Juristin Gisela von der Aue, später Justizsenatorin in Berlin. Bedauerlicherweise fehlt das große Gespräch mit Roland Brus, dem Regisseur der ersten Jahre – nur mit überschaubaren Statements ist er präsent.
Brus war mit Syrbe vom Obdachlosentheater «Ratten 07» gekommen, gegründet im Umfeld der Volksbühne, gestaltete die ersten Begegnungen mit Gefangenen und Personal in der JVA und inszenierte 1997 die ersten anstaltseigenen Produktionen, «Stein und Fleisch» und gleich darauf «Räuber – Tegeler Mischung». Sehr früh schon wurde so (neben extra gestalteten thematischen Projekten) auch klassische Theater-Literatur zum fundamentalen Katalysator für Erfahrungen der Menschen-Männer drinnen; und als zum Knast-Festival 2000 aus den USA auch Rick Cluchey anreiste, der ja einst für Samuel Beckett zum Gegenüber und Partner im Gefängnis geworden war, war besonders deutlich, wie eng und produktiv die Verklammerung von Kunst und Knast gelingen kann.
Schütt erzählt aus einem Vierteljahrhundert mit «aufBruch» nur bedingt chronologisch, in mehreren Chronik-Komplexen; vielerlei Zeitgenossenschaft auch aus den Medien ist da versammelt – so wird das Porträt eines zu Beginn durchaus umstrittenen Projekts überaus lebendig: als unerschöpflicher Fundus aus Geschichten. Und Aurins Bild-Momente ziehen uns, die Fremden, tief hinein in diese andere Welt.
Hans-Dieter Schütt: aufBruch. Das Berliner Gefängnistheater. Ein Porträt
Alexander Verlag Berlin, 416 Seiten, 29,90 €
Theater heute 12 2022
Rubrik: Bücher, Seite 55
von Michael Laages
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