Die Straßen sind hysterisch

Tine Rahel Völcker «Frauen der Unterwelt»

Theater heute - Logo

Wenn Ausflugsschiffe fahren, fahren sie hier vorbei: Pirna, Sächsische Schweiz. Und hoch oben über der Elbe, auf den Sandstein gesetzt wie eine Kleckerburg, der Sonnenstein. Hier glänzt das sanierte Sachsen, Schaufelraddampfer im Mississippi-Style, Dixieland-Musik und Radeberger an Bord, und dann die Landschaft: «Herrlisch!»

13.720 Menschen wurden hier binnen eines Jahres systematisch ermordet. Sie wurden mit Kohlenmonoxid vergast und anschließend in einem extra dafür erbauten Krematorium verbrannt.

Der Sonnenstein war eine von sechs «Tötungsanstalten», in denen die NS-Administration auf direkten Befehl Adolf Hitlers zwischen 1940 und 1941 insgesamt 70.000 Menschen, denen eine psychische Erkrankung oder «Behinderung» diagnostiziert worden war, töten ließ. Die Asche, so heißt es, habe man zum Teil einfach den Hang zur Elbe hinab gekippt.

Als die Autorin Tine Rahel Völcker 2015 das erste Mal in Pirna ankam, brandeten gerade die Pegida mit all ihrer gespenstischen Wucht durch die Straßen des nahen Dresden. Die Frage nach (Dis-)Kontinuitäten zwischen dem Nationalsozialismus und heute beschäftigt Völcker seit Jahren, hier muss sie nicht erst entwickelt werden. Sie schwimmt auf der Elbe ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2021
Rubrik: Neue Stücke, Seite 161
von Ludwig Haugk

Weitere Beiträge
Mutterseelenallein

Am 6. Februar 2017 betritt Christine nachmittags einen Supermarkt. Neun Monate war sie trocken. Bei dem Versuch, eine Flasche Wodka aus dem Getränkeregal zu holen, stirbt sie an einer Gehirnblutung. Im Moment ihres Todes lässt Christine ihr Leben Revue passieren. Aufgewachsen in einer Kleinstadt in der nordenglischen Provinz, träumte sie davon, Rudolf Nurejew zu...

Was bedeutet Heimat?

Andreas Klaeui Jean-Luc Lagarce ist in Frankreich Abiturlektüre, im deutschsprachigen Raum aber noch wenig bekannt; sein Stück «Einfach das Ende der Welt» kam 1990 heraus: Wie sind Sie auf diesen Stoff gekommen? 
Christopher Rüping Es hat eine Vorgeschichte. «Früchte des Zorns», unsere erste gemeinsame Arbeit im neuen Team am Schauspielhaus, war eine Geschichte von...

Die Gewalt des Urplötzlichen

Aber natürlich wird das Theater in zwanzig Jahren anders sein – in hundert Jahren allemal. Und es versteht sich, dass das Theater keinen Bogen ums Digitale machen kann. Allen Anhängern des analogen Theaters sei das zugerufen: Ja, es wird ein digitales Theater geben. Mein Spiegel im Bad klebt schon von den Aerosolen dieses Ausrufes, mein Bücherregal im Arbeitszimmer...