Die Pointe stirbt zuletzt
Die Russen sind endgültig im Westen angekommen. Moskau ist kapitalistischer, dynamischer und luxuriöser als jede deutsche Stadt. Auch die Provinz ändert sich, langsamer zwar, aber unaufhaltsam. Der vom Westen eingeklagte Mangel an Demokratie ist nicht das, was die meisten Russen bewegt. Längst ist auch der Normalbürger an das globale Geflecht der Waren- und Informationsströme angeschlossen.
Konsequenterweise geht es auch in den Texten russischer Autoren nicht mehr so sehr um die kuriosen und katastrophalen Verwerfungen der post-sowjetischen Ära, sondern zunehmend um die Krisen innerhalb der bürgerlichen Lebenswelt. Dennoch erwarten wir von einem russischen Gegenwartsstück dieses Besondere und Extreme, das wir in unserer eigenen Erfahrung und auch bei den neuen deutschen Dramatikern oft vermissen.
Mit ihrem neuen Stück «Vor der Sintflut» haben die Brüder Presnjakow nun alles Originär-Russische abgelegt und somit die reale Entwicklung sowohl nachvollzogen als auch vorweggenommen. Ihr Stück spielt in einem imaginären europäischen Staat, der Euro ist die Währung, die Charaktere stammen aus der bürgerlichen Mittelschicht, von Osteuropa spricht man wie von einem armen Nachbarn oder ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Jahrbuch 2007
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 169
von Jörg Bochow
Gerade ist Dimiter Gotscheff noch einmal aufgestanden, um sich den vierten Whiskey zu holen. Wahrscheinlich ist heute wirklich nicht sein Tag. Schon nach dem zweiten Schnaps hat der lichtscheue Bulgare gestöhnt: «Es ist Montag, ich bin unvorbereitet, von mir kriegen Sie nicht mehr! Nehmen Sie es wörtlich. Ich kann über meine Arbeit nicht reden, ich kann nur brüllen...
Kann sein, dass ihr speziell an diesem Tag so deutlich wie wohl selten sonst der Übergang vor Augen steht, in dem sie sich gerade befindet. Noch einmal hat sie jenes erstaunliche Stück Theaterforschung aus der Erinnerung auf die Bühne zurück geholt, mit dem sie einer breiteren Öffentlichkeit erstmals nachhaltig «aufgefallen» ist: «Die Gerechten» von Albert Camus,...
Begeisterung ist ihm nicht gerade fremd. Ende Feburar in Zürich, zwei Wochen vor der «Hamlet»-Premiere, schwärmt Joachim Meyerhoff von der Künstlerwohnung im schicken Schiffbau. «Echt toll, dieser moderne Beton verschafft mir eine Erholung vom barocken Wien.» In Berlin, während des Theatertreffens im Mai, richtet sich die Begeisterung auf die Begeisterung des...
