Die letzte Bastion
Traut sitzt die Familie vorm Fernseher. Die Gesichter im «geschmackvoll ausgeleuchtet(en)» Wohnzimmer illuminiert «wie auf einem Gemälde von Bellini», erwartet sie den Ehemann beziehungsweise Vater – Jan – auf dem Flatscreen, und zwar in seiner Premierenrolle als Boulevardmoderator: Kathrin mit entsprechender Gattinnen-Nervosität («Wie würde ihr Mann sich präsentieren?»), die Teenager-Kinder Lale und Severin wie «bleiche Marionetten» in die «Sitzecke» gequetscht.
Zwar weiß man in dieser Eingangsszene des neuen Romans von Thomas Melle noch nichts von der Swingerparty in der Cineasten-Peergroup, zu der Kathrin einige Seiten später aufbrechen wird. Und man kennt auch die anonymen Nachrichten noch nicht, die alsbald auf Jans Handy aufploppen. Fest aber steht bereits hier: Es kann nur bergab gehen. Und zwar steil.
Natürlich ist «Das leichte Leben» nicht der erste Text, der das Kulturmilieu unserer Gesellschaft der Singularitäten unter die Lupe nimmt, auch nicht der erste von Thomas Melle. Und zweifellos besitzen die abstiegsbegleitenden Topoi, derer er sich bedient, ebenfalls längst Klassiker-Status: innereheliches Sex-Ende nebst außerehelicher -Anbahnungsfantasien, Affären (ja, auch ...
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Theater heute März 2023
Rubrik: Magazin, Seite 67
von Christine Wahl
Torben Ibs Das Buch «Unsere Hoffnung heute ist die Krise» versammelt 91 bisher unbekannte Interviews von Bertolt Brecht von den 1920er Jahren bis zu seinem Tod. Wie startete diese Interviewtätigkeit bei Brecht?
Noah Willumsen Da gibt es eine Tagebuchnotiz. Er hat noch nie ein Interview gemacht und ist angefragt für eine Interviewreihe der Zeitschrift «Literarische...
«Wo steht unser Mandelbaum?», fragte die Lyrikerin Hilde Domin im Exil der Dominikanischen Republik in den 1940er Jahren. Der Baum als Symbol für ein Zuhause der Kindheit. Für sie stand er in Köln. Und ihre Heimat war die deutsche Sprache. «Wo steht dein Maulbeerbaum?», fragt die georgische Regisseurin Tamó Gvenetadze heute in Bochum. Für sie stand er in der Stadt...
Wenn sie wüssten! Wenn sie wüssten, was später mit ihnen passiert. Dann würden diese vier Männer in ihren lodengrünen Trachtenanleihen jetzt nicht so fröhlich rumstehen und «Auf, auf zum fröhlichen Jagen» brüllen. Mit eckigem Schwung in ihren Armen und Beinen, so schrecklich frischbackig und stolz. Denn später werden sie selbst zu Gejagten werden. Dann wird Marinka...
