Die Kunst des Richtigmachens

Neue Blicke in Berlin auf alte Stoffe und Probleme: Christian Weise beugt sich über «Drei Schwestern», Oliver Frljic über «Mutter Courage» und Caroline Guiela Nguyen über Adoptionsfragen

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Ungefähr zur Hälfte der Aufführung fasst Oscar Olivio die Situation kurz zusammen: «We all know that reenactment has nothing to do with being free but it has everything to do with being right.» Wir wüssten schließlich alle, dass Reenactment nichts mit Freiheit zu tun habe, aber alles damit, es richtig zu machen.

Wobei sich die Richtigkeit des Richtigmachens in diesem Fall ganz leicht überprüfen lässt: Denn im Hintergrund laufen auf einem halben Dutzend zusammengeschalteter Bildschirme ausgewählte Szenen der Fernsehaufzeichnung von Thomas Langhoffs legendärer «Drei Schwestern»-Inszenierung von 1984. Davor turnen sechs Schauspieler aus dem heutigen Gorki-Ensemble ohne Requisiten im leeren grünen Raum alle Gänge und Haltungen der Bildschirm-Schauspieler nach und sprechen den Text über die kaum noch hörbaren Originaltöne. Später arrangieren sie sich noch zu Videoloops als Pilzkopfchor oder performen ihre Nachsprechkunst in hipsterig-ostigen Alltagsklamotten. Dazu klimpert rechts Falk Effenberger eine Kintopp-Musik zwischen Stummfilm und James Last. 

Mindestens drei Zeitebenen überlagern sich: Erstens die im plüschigen Kostümdrama und deren ersehntem «Nach Moskau» parabelhaft ...

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Theater heute 12 2022
Rubrik: Aufführungen, Seite 13
von Franz Wille

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