Die Konstruktion des Fremden
Die Germanen waren furchterregend und lächerlich, unkultiviert, mehr Tiere als Menschen, arbeitsscheu und dumm – und außerdem blau angemalt, berichtet der Römer Tacitus so herablassend wie fasziniert in seinen «Annalen» im Jahr 98 n. Chr. und fügte nicht ganz unzutreffend hinzu: «Wer wollte auch das milde Klima, die sonnenreichen Breiten um das blaue Mittelmeer verlassen für ein Land, so hässlich und so trostlos.
» Irgendwie beeindruckte ihre übermenschliche Stärke ihn allerdings auch, immerhin hatten sie die von Feldherr Varus geführten römischen Legionen vernichtend geschlagen, bekanntlich im Teutoburger Wald.
Tacitus’ umstrittener Text, der die «Fremden» entmenschlicht, über den Kamm schert, mit Klischees überdeckt, die bis heute gültig sind, ist die Grundlage des Abends «GERMANIA. Rö -mischer Komplex», eine erneute Kooperation des Theaters an der Ruhr mit dem italienischen Theaterkollektiv ANAGOOR und seinem Regisseur Simone Derai. Tacitus’ Text wird am Anfang vom italienischen Schauspieler Marco Mene -goni ins Mikro gesprochen, er steht neben vier Bildschirmen, die den Text rhythmisch und großbuchstabig in die Hirnhaut brennen. Wenig später sehen wir im Video, wie dem ...
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Theater heute April 2022
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Dorothea Marcus
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