Die binäre Illusion
In vielerlei Hinsicht hat die Autorin, Kritikerin und Transfrau Nora Eckert bislang ein ungeheuerliches Leben geführt. Geboren 1952 in einem Arbeiterhaushalt bei Nürnberg, fiel sie früh aus dem Rahmen.
Etwa als sie, noch als Junge gelesen, auf der Realschule im Biologieunterricht ein Re -ferat über Homosexualität zu halten drohte (es wurde untersagt), als sie kurz vor dem Abschluss einfach die Schule verließ, aber trotzdem Verlagsvolontär in Gießen und später in Berlin renommierte Opernkritikerin wurde – parallel zu einem Bürojob, in dem sie dreißig Berufsjahre lang als Frau durchging, obwohl sie keine Geschlechtsangleichung vornehmen ließ und nur sechs Jahre lang Hormone gespritzt hatte. Dagegen scheint ihre Zeit als Animierdame und Garderobiere bei «Chez Romy Haag», dem in den siebziger Jahren angesagtesten Travestieclub Europas, vergleichsweise vorhersehbar.
«Wie alle, nur anders» ist ein ungewöhnliches Memoir, ohne die Schwere und Wut vergleichbar kluger Erinnerungen französischer Autoren, auf die Eckert auch ein, zweimal im Widerspruch Bezug nimmt. Im Ton fast immer heiter, leicht und elegant, ist eine Opfergeschichte das letzte, was sie erzählen will: Stets und mit ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute 12 2022
Rubrik: Bücher, Seite 50
von Eva Behrendt
Man muss der Dramaturgie des Deutschen Schauspielhauses Respekt zollen. Als entschieden wurde, eine Dramatisierung von Annie Ernaux’ Roman «Das Ereignis» als deutschsprachige Erstaufführung auf die Bühne zu bringen, war nicht klar, dass die Autorin 2022 den Literaturnobelpreis erhalten und sich der Abend – inszeniert von Regieassistentin Annalisa Engheben im...
Spätestens seit Hans-Thies Lehmanns 1999 erschienenem Standardwerk «Postdramatisches Theater» gilt die Postdramatik als prägende Ästhetik auf den deutschsprachigen Bühnen. Bemerkenswert allerdings, dass nie so ganz klar ist, wer im Theater nun eigentlich postdramatisch arbeitet – der Begriff läuft Gefahr, ein Phantom zu werden, das auf so ziemlich jede:n...
Es liegt Mehltau über den Komödien unserer Tage. Ein Gefühl, dass unsere Vitalität schwindet. Die schönen Jahre der Friedensrendite sind vorüber, die billigen Kredite, das selbstvergessen unbeschwerte Wachstum. «Jetzt präsentiert uns der sogenannte Sozialismus / die Rechnung», heißt es im «Theatermacher» von Thomas Bernhard, «die Kassen sind leer / Europa ist...
