Die individuelle Systemfrage
Vieles fühlt sich für mich nicht wie «Verzicht» an, sondern eher wie eine Serie von Entscheidungen für ein stressfreieres und gesünderes Leben. «Verzicht» ist ein Wort, das vielen Menschen Angst macht. Die Diskussion um ein klimagerechteres Leben wird meist so geführt, als wäre unser Wohlstand und unser sorgenfreies Leben in Gefahr. Dabei verzichten wir schon heute auf sehr viel: auf gesunde Luft zum Beispiel. Auf eine intakte Natur. Auf sichere Straßen ohne Freiheitsraser und stundenlange Staus.
Auf Sommer ohne Dürre, ausgetrocknete Flüsse, Ernteausfälle, Waldbrände und sturzflutartige Überschwemmungen. Auf eine empathische, liebevolle Beziehung mit den nichtmenschlichen Bewohnern dieses Planeten. Auf gesunde Nahrung und somit auf unsere eigene Gesundheit. Auf unzählige Tierarten, die gerade massenhaft aussterben. Wir verzichten unentwegt auf ein gesünderes, nachhaltigeres Leben, das möglich wäre, wenn die politischen Entscheidungsträger:innen die richtigen Rahmenbedingungen dafür schaffen würden. Ich würde sehr gerne auf vieles verzichten, wenn es dazu beiträgt, ein annehmbares Leben für zukünftige Generationen auf dem Planeten zu sichern. Aber es ist gar nicht so einfach, ein ...
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Theater heute Jahrbuch 2023
Rubrik: Verzicht, Seite 67
von Falk Richter
Etwas sträubt sich in uns gegen die öffentliche Rede vom persönlichen Verzicht. Es erinnert an Kardinaltugenden, an die Mäßigung, die Platon insbesondere dem unteren Stand verordnet. (Die oberen Stände dürfen sich um Weisheit und Tapferkeit kümmern.) Soll wirklich jede:r bei sich selbst anfangen? Ist die Rede vom individuellen Verzicht nicht der unpolitische...
Oh nein – ich bin zu spät dran. Ich wollte diesen Text am Erdüberlastungstag 2023 schreiben. Am «Earth Overshoot Day», wie er so schön heißt. Dem Tag, an dem alle verfügbaren natürlichen Ressourcen für ein ganzes Jahr aufgebraucht sind. Letztes Jahr – so erinnerte ich mich – fiel er in Deutschland auf Ende Juli; dass er sich 2023 auf Anfang Mai vorverschoben hat,...
Das Paradies ist uns abhanden gekommen. Es gehört uns nicht (mehr). Folgen wir dem mythologischen Fußabdruck, ist die Menschheit – seit der Vertreibung Adams und Evas aufgrund entwickelten Bewusstseins – quasi pausenlos auf der Suche nach Unterwerfung, Beheimatung und Besitz. Sesshaftigkeit bildete die direkte Achse zum Wohneigentum, zur Inbesitznahme von Pflanzen,...
