Die Grenzen der Polis

Von Sophokles über Hölderlin zu Brecht zu Pollesch – Antigones Frage ans Gesetz und die Kategorien der Polis

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Kaum ein Thema ist geeigneter, das Recycling als grund­legende Geste der Kultur und zumal des Theaters zu erläutern, als die hartnäckige Wiederkehr der gleichen Stoffe. Shakespeare hat kaum einen seiner zahlreichen Stoffe erfunden. Die Lektüre eines modernen Schauspielführers kann wie das Durchblättern eines mythologischen Lexikons wirken. Reécriture, Zitat, ist das Gesetz der Kultur. Besonders das Theater wiederholt, zitiert, kopiert, oft zwischen Pastiche und Parodie changierend, vorgegebene Themen, Stoffe, Figuren, ganze narrative Verläufe.

 

Bert Brecht hat mit dem Modellbuch der Inszenierung seiner «Antigone»-Version dem Gedanken der produktiven Qualität des Kopierens einen weiteren Akzent verliehen. Sprachlich basiert Brechts Bearbeitung der Sophokleischen Tragödie auf der Übersetzung durch Hölderlin. In ungewöhnlicher Bescheidenheit wählte Brecht den Titel «Die Antigone des Sophokles nach der Hölderlinschen Übertragung für die Bühne bearbeitet von Bertolt Brecht». Stofflich stellt Brechts Bearbeitung freilich eine radikale Umdeutung der antiken Fabel dar.

 

«Antigone» ist bei Brecht ein Spiel über den Hitlerfaschismus. Kreon wird mit «Mein Führer» tituliert. Er will wie ...

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Theater heute Jahrbuch 2016
Rubrik: Grenzen, Seite 36
von Hans-Thies Lehmann

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