Die Erfindung des Stahlseils
Die interessanteste Figur in diesem Stück heißt «Ich» (Alrun Hofert) und ist schwer greifbar. Es handelt sich um ein Atom oder Molekül, irgendein winziges Stück Materie, das immer schon da war und im Lauf der Jahrtausende so einiges mitgemacht hat. So eine Kontinentalverschiebung etwa ist ja keine Kleinigkeit. In jüngster Vergangenheit hielt es sich im Körper eines Kindes auf und geriet mit diesem auf eine heiße Herdplatte: «Ich weiß nicht, was ich genau an diesem Tag in ausgerechnet einer dieser Fingerspitzen machte.
Jedenfalls blieb ich an der Platte kleben, wurde weggewischt und landete mit dem bald grässlich stinkenden Lappen, der kein Wort sagte, auf der Deponie.»
Man kann dieses «Ich» als Mikro-Platzhalter für die gesamte Erdgeschichte oder das Leben selbst interpretieren – beziehungsweise für das, was «nach dem Sturm» noch übrig sein wird von der Welt. Weiter treten auf: ein alter und ein junger Aktivist (Lukas Holzhausen und Nicolas Matthews), die ein Denkmal für den Afrikaforscher Hermann von Wissmann stürzen wollen; der hannoversche Ingenieur Wilhelm August Julius Albert (Matthews), der im 19. Jahrhundert das Stahlseil erfunden hat; eine junge Psychothera-
peutin ...
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Theater heute 1 2023
Rubrik: Chronik, Seite 58
von Wolfgang Kralicek
FRANKFURT/MAIN, SCHAUSPIEL
20. nach Dostojewskij, Life is but a dream
R. Barbara Bürk
21. Magal, 10 odd emotions (U)
R. Saar Magal
FREIBERG/DÖBELN, MITTELSÄCHSISCHES THEATER
3. Abdel-Maksoud, Café Populaire
R. Nils Braun
FREIBURG, THEATER
20. Andrejew, Hinauf zu den Sternen
R. Nicolas Charaux
GÖTTINGEN, DEUTSCHES THEATER
21. Sokola, Pirsch (U)
R....
«Ich mache keinen Krieg mehr. Es ist gut, dass ich hierhergekommen bin, zu einer Stelle der Welt, wo ich nachdenken konnte, drei Minuten lang. Jetzt können wir weggehn.» Länger braucht Bertolt Brechts Erster-Weltkriegssoldat Fatzer nicht, um sich gegen das Töten, fürs Desertieren zu entscheiden. Wesentlich länger dauerte es auf der Bühne der Mülheimer Stadthalle...
Zwischen zwei moralisch anfechtbaren Positionen zu wählen, ist nicht einfach, zwischen zwei untadeligen manchmal noch schwieriger. Kunstfreiheit und der Kampf gegen Antisemitismus sind zwei zentrale Prinzipien ganz oben auf der Werteskala der freiheitlich-demokratischen Gesellschaftsordnung. Umso fataler, wenn sich beide in letzter Zeit immer wieder miteinander...
